Berlin : Mitte: Neu-Berlin im alten "Esplanade": Fürstlich speisen, festlich tagen

Lothar Heinke

Die Touristen unter dem Sony-Dach am Potsdamer Platz fragen immer wieder: Und wo ist denn nun der Kaisersaal? Kann man dort essen? Ist das etwas für Normalsterbliche? Oder tafelt unter den Kristalllüstern nurmehr die Hautevolee? Jetzt, endlich, können wir das Geheimnis lüften: Der Kaisersaal, mit einem Millionenaufwand um 75 Meter verschobenes neobarockes Glanzstück des einstigen Hotels "Esplanade", wurde jetzt von Sony an die Geschäftsführer des Café Josty verpachtet.

Der Österreicher Josef Laggner, Besitzer des "Lutter & Wegner" und der Newton-Bar am Gendarmenmarkt, und sein Kompagnon Gerhard Lengauer beginnen nun mit der Planung der Einrichtung des zusammenhängenden Ensembles von Kaisersaal, Palmenhof und Silbersaal, um die Fläche von insgesamt 1600 Quadratmetern gastronomisch zu nutzen. "Der Kaisersaal, in dem Kaiser Wilhelm seine Herrenabende abhielt und wo heute wieder sein Konterfei an der stuckverzierten Wand hängt, wird zu einem Restaurant erster Klasse, das zu bestimmten Zeiten auch für Besichtigungen geöffnet werden kann", sagt Gerhard Lengauer. Der intime Raum mit 60 Plätzen allein kann die beiden Pächter aber wohl kaum glücklich machen. So kommen Palmenhof, Silbersaal und drei kleinere Salons hinzu. Sie sollen in den nächsten Monaten "historisch, im Stil der Jahrhundertwende" eingerichtet werden; ein Designer aus Südtirol sitzt gerade an den Entwürfen für diese Räume mit "Veranstaltungs- und Konferenzbestuhlung". Ab Jahresbeginn 2002 könnte sich dann hier ein internationales Publikum zu "Tagungen, kleinen Kongressen und Stehempfängen mit bis zu 1 500 Gästen" versammeln, "wir bieten den Rahmen für die private Hochzeit, aber auch für kleine Kongresse mit bis zu 200 Leuten im Palmenhof oder für das Meeting eines großen Konzerns", blickt Lengauer in eine rosige Zukunft. "Täglich bis zu drei Anfragen, insgesamt schon an die 200" fördern seinen Optimismus für diesen idealen Standort: Das alte Hotel Esplanade mit seinen aufgetürmten neuen Wohnungen und der verrückte Kaisersaal scheinen etwas Mythisches zu haben - "hier möchte man eben mal bei einem großen Empfang oder bei einer Tagung gewesen sein".

Das Esplanade stand einst im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens von Berlin und gehörte zu den berühmtesten Hotelbauten aus der Kaiserzeit. Es wurde 1908 eröffnet und kostete 23 Millionen Reichsmark. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus zu 90 Prozent zerstört, danach zum Veranstaltungsort umfunktioniert. Kaisersaal, Frühstückssaal, das Marmortreppenhaus und die Waschräume mit edlen Sanitäranlagen waren in der ursprünglichen Form erhalten geblieben und wurden restauriert.

Zur Organisation der Aktivitäten in den alten, neuen Gemäuern des einstigen Hotels entsteht eine "Kaisersaal-Veranstaltungs-GmbH". Die Chance, historische Räume mitten in der Stadt und in so einem Ambiente mit Leben zu füllen, kommt alle hundert Jahre, schwärmt Gerhard Lengauer, und der Vermieter freut sich, "dass das ganze Ensemble im berühmten Esplanade in einer professionellen Hand ist", wie es Karin Püttmann von Sony formuliert.

Allerdings mussten auch die Profis vom Gendarmenmarkt ein erstes Lehrgeld am Potsdamer Platz zahlen: Während ihr Café Josty vor allem im Freien ganz gut läuft, wurde das im ersten Geschoss gelegene "Kaizen" mit "Soups and more" - womit vor allem japanische Spezialitäten gemeint sind - kaum angenommen. Die Konsequenz: Neuer Name, neues Programm. Jetzt schmückt sich auch das Restaurant (wie das Café) mit dem historischen Namen "Josty", und statt Sushi stehen "mehr kleine Gerichte der internationalen Küche" auf der Karte. Eigentlich war man nur konsequent. Wie hieß doch das japanische "Kaizen" auf Deutsch? "Stetige Verbesserung"...

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