Berlin : Mitte schlägt Las Vegas

Ob zwischen Fischen, auf dem Fernsehturm oder im Rosinenbomber: Wer spektakulär heiraten will, kommt in den Hauptstadt-Bezirk

Thomas Loy

Endlich können auch Tauchfreunde in Berlin standesgemäß heiraten. Von Fischen umschwärmt, praktisch mitten im Ozean ließ sich gestern ein Zehlendorfer Paar im gläsernen Aufzug des Sea-Life-Aquariums im Radisson-SAS- Hotels trauen. Das durchfahrbare Aquarium ist der neueste Marketing-Coup des Standesamts Mitte und einer von etwa 40 möglichen Orten zur Eheschließung im Hauptstadt-Bezirk. Im Angebot sind Zoo und Fernsehturm, die Barkasse Libelle und das Salonschiff Don Juan, ein Rosinenbomber, Cabriolet-Bus, Party-Tram und Panorama-S-Bahn, das Opernpalais und der Jugendstilsaal in den Hackeschen Höfen. Nirgendwo sonst in Deutschland kann man so spektakulär heiraten. Standesamtschef Rainer Ahnert sieht selbst in Las Vegas keine ernstzunehmende Konkurrenz. Mit 1500 Trauungen im Jahr ist das Standesamt Mitte inzwischen das drittgrößte der Republik. Die Brautpaare kommen aus ganz Deutschland. Mehr als ein Drittel der Ehen werden außerhalb offizieller Trauzimmer geschlossen. Eine originelle Kulisse führe bei einigen Kandidaten überhaupt erst zum Entschluss, eine Ehe einzugehen, sagt Ahnert.

Toll, denkt man da spontan, aber wird die Eheschließung unter Fischen dann nicht zu einem Spaß-Event, dessen Zweitauflage die Scheidungsparty ist? Hans W. Jürgens, Eheforscher aus Kiel, findet „die Sorge sehr berechtigt“. Sein Eindruck ist, dass viele Paare sich zur Heirat entschließen, ohne zu wissen warum. Es werde nicht mehr kommuniziert, sondern vor allem erlebnisorientiert konsumiert. „Die Fähigkeit, Konflikte in der Partnerschaft zu lösen, ist unterentwickelt.“ Dann schon lieber die Scheidung einreichen und zünftig feiern. Jürgens war vor kurzem auf einer Scheidungsparty eingeladen. „Das Paar saß lachend auf dem Sofa.“

In Berlin werden jedes Jahr etwa 12 000 Ehen geschlossen und 10 000 geschieden. Die Zahlen bewegen sich langfristig aufeinander zu. In Krisenzeiten, so haben die Statistiker herausgefunden, lassen sich weniger Paare scheiden als in Boomjahren. Über einen möglichen direkten Zusammenhang zwischen Event- Hochzeit und Scheidungshäufigkeit hat Standesbeamter Ahnert schon mal persönlich nachgeforscht. Die Zahlen ließen einen solchen Zusammenhang aber nicht erkennen.

Deshalb gibt es für Ahnert auch keinen Grund, die Event-Hochzeiten in Frage zu stellen. Immerhin bescheren die erhöhten Gebühren für Außentermine – in der Regel 55 Euro – dem Standesamt Mitte rund 100 000 Euro zusätzliche Einnahmen im Jahr. Man überlege sehr genau, ob sich ein Ort für eine Hochzeit eigne, sagt Ahnert. „Trauungen müssen in einem würdevollen Rahmen stattfinden." Dass es irgendwann mal für Bungee-Fans eine Hochzeit am Gummiseil geben wird, schließt Ahnert aus.

Aber vielleicht findet sich ja auch für die Bungee-Gemeinde eine Kompromisslösung. Die Taucher hatten Ahnert jahrelang bekniet, doch eine Unterwasser-Trauung möglich zu machen. Aber wie sollte das gehen? Der Standesbeamte mit Sauerstoffflasche und Atemmaske? Das Ja-Wort über Sprechfunk? Unterschreiben mit Spezialtinte? Die Idee mit dem Aufzug im Aquadom machte diesen unbehaglichen Gedanken ein Ende.

Ausführliche Informationen unter www.berlin-mitte.de (Standesamt ist unter „Bürgerdienste“ zu finden) oder Telefon 20092-4331 bis -4338.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar