Mitte : Unter dem Pflaster liegt die Stadt

Das Marx-Engels-Forum war einst Wohngebiet. Jetzt wird kontrovers über eine Bebauung diskutiert. Soll zwischen Alex und Schloss wieder ein Stadtviertel entstehen? Ein Pro und Contra.

Ralf Schönball
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Beliebtes Fotomotiv: Die Plastiken von Marx und Engels. -Foto: Thilo Rückeis

Dieses Projekt konnte nicht einmal Hans Stimmann verwirklichen. Dabei nannte er sich selbst einmal einen „mächtigen Mann“. Und der Senatsbaudirektor a. D. kämpft bis heute für diese Idee: Dort, wo die Stadt im Mittelalter einmal zu wachsen begann, soll das Zentrum Berlins wiedererstehen. Eine kühne Vision ist das. Steht an diesem Orte heute doch fast nichts mehr von einst. Und das, was noch übrig blieb von der Berliner Geschichte vor 1945 – die Marienkirche zum Beispiel – wirkt wie zufällig abgestellt an einem fremden zugigen Ort.

Die Rede ist von dem weitläufigen Platz vor dem Roten Rathaus im Schatten des Fernsehturms. Dazu gehört auch das „Marx-Engels-Forum“, das jenseits der Spandauer Straße westlich anschließt und bis zur Spree an den geplanten Schlossneubau heranreicht.

Etwa 13 Jahre sind vergangen, seitdem Stimmann erstmals sein Konzept für diesen Ort vorlegte. Damals traf die Idee, die beiden Stadträume durch zwei Straßen zu zerschneiden und entlang dieser Achsen ein „Marienviertel“ zu errichten, auf keinen fruchtbaren Boden. Auch heute gibt es Widerstände und Bedenken. Besonders in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Diese nennt die Debatte um die Rekonstruktion der alten Stadtstruktur unzeitgemäß. Man will der Reihe nach vorgehen. Zunächst soll das Schloss, also das Humboldtforum gebaut werden. Dann will man dessen Umfeld gestalten. Und dafür soll erst einmal ein internationaler Wettbewerb ausgerufen werden. Erst danach könne man sich dem Marienviertel widmen. Auf keinen Fall aber vor dem Jahr 2017. Vorher sei die U-Bahn-Linie 5 nicht fertig. Und auf dem Marx–Engels–Forum sollen Wagen und Container der Bauleute abgestellt werden, die die U5 errichten werden.

Doch alle Bedenken zielten ins Leere. Denn ein Zwischenruf von Kulturstaatssekretär André Schmitz – von dem mancher sagt, er sei ein mächtiger Mann – hat die Diskussion so richtig entfacht. Zumal der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit ihm den Rücken stärkte. Schmitz Einmischung in das Ressort der Stadtentwickler darf man wohl „emotional“ nennen. Und der Verein „Berlin Historische Mitte“ ahnt, dass die Revolution bevorsteht: „Unter dem Pflaster liegt die Stadt“, sagt Beate Schubert.

Genährt wird die Utopie an der Brust der Vergangenheit: Vor dem Krieg war das Gebiet in über 140 Grundstücke parzelliert. Es gab Wohn- und Bürohäuser, Geschäfts- und Warenhäuser, Postämter und Markthallen. Einen großen Teil dieser Gebäude zerstörten die Bomben am Ende des Weltkrieges. Den Rest besorgten die Stadtplaner der DDR. Die Anlage von Gruner- und Karl-Liebknecht-Straße verwischten auch die letzten Spuren des mittelalterlichen Grundrisses.

Dabei ließen sich hier die ersten Siedler nieder, um das Jahr 1200 herum gründeten sie die Keimzellen der Stadt: Cölln (1237) und Berlin (1251). Die Marienkirche in ihrem Zentrum datieren Historiker auf das Jahr 1230. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte 1292 als Kirche am „Neuen Markt“. Im späten Mittelalter bestand Berlin dann aus vier Vierteln: Marienviertel, Heilige-Geist-Viertel, Nikolaiviertel und Klosterviertel.

Heute zeigen Nikolai- und Klosterviertel Möglichkeiten und Grenzen von Rekonstruktion auf: Das eine zu DDR-Zeiten aus Plattenbauten erstanden, verströmt einen spröden Charme, an dem Klosterviertel versucht sich die Stadtplanung seit der Wende.

Wie also wird ein „rekonstruiertes“ Marienviertel aussehen? Eine Veranstaltung in der Bauakademie am vergangenen Donnerstag unter Leitung der gestrengen Bausenatorin Regula Lüscher ließ es erahnen: Moderne Architektur im Korsett der städtischen Gestaltungsverordnungen. Farbe und Gestaltung von Fassaden und Dächern und auch die Höhe der Gebäude werden vorgeschrieben, damit diese den angemessenen „Hintergrund für unsere Monumente an diesem Ort“ liefern. Wird diese moderne Kulisse aber wirklich mehr sein als die Bühne für die Bauherren und ihre Renditeträume?

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