Berlin : MITTE

Berlins Mitte hat alles gesehen. Und alle waren irgendwann mal da. Ende der neunziger Jahre schienen sich die Galerien in der Auguststraße und ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zu stapeln. Wann immer Ausstellungen eröffnet wurden, verstopfte das Publikum die Gehsteige. Und stand – etwa bei der Präsentation neuer Bilder von Neo Rauch 2006 in der Galerie Eigen + Art – als Traube bis weit auf die Straße. Inzwischen hat sich die Situation geklärt. Mitte ist ein Quartier unter mehreren und die Anziehungskraft der Neugier auf andere Orte in der Stadt gewichen. Was ist mit Wedding oder den 70er-Jahre-Bausünden aus Beton, die sich nicht nur in Kreuzberg über die Straßen spannen? White Cube im Altbau war gestern, die jungen Galeristen denken experimenteller. Mit jedem sanierten Haus des alten Scheunenviertels schwanden zudem die günstigen Gelegenheiten, Newcomer haben kaum noch eine Chance. Es sei denn, sie nisten sich wie Stephan Koal in einem Seitentrakt des alten Postfuhramtes ein oder finden andere noch undefinierte Nischen.

Übrig sind sesshafte Galeristen wie Marcus Deschler oder Wolfram Völcker. Und natürlich Judy Lybke, der sich 1992 eigentlich nur kurz im Dunstkreis der Kunst-Werke niederlassen wollte, die sich damals frisch gründeten. Nun hält er mit seiner Galerie Eigen + Art und den Kollegen das Niveau im Quartier. Genau wie eine Straße weiter Rudolf Kicken als Spezialist für Fotografie oder Neugerriemschneider, in deren Räumen sich zur jüngsten Ausstellung von Ai Weiwei im April erstaunlich viele Politiker einfanden. Andere Galerien haben längst den Rückzug angetreten, manche davon erst nach mehreren Umzügen. Anlässe für den Weggang gibt es viele. Sie reichen von der klassischen Mieterhöhung bis zu jener Begründung, mit der Martin Klosterfelde vor Jahren sein Mitte-Kapitel beschloss: Er wolle einfach nicht mehr dauernd gefragt werden, ob er das Bild an der Wand auch als Postkarte habe.

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