Berlin : Mittelstandsbericht: Aufschwung kommt nur langsam nach Berlin

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Der Konjunkturaufschwung ist noch nicht in Berlin angekommen. Sowohl bei der Umsatzentwicklung als auch bei den Neueinstellungen hinken die Betriebe in der Region dem Trend hinterher. Und: Nirgendwo ist die Zahlungsmoral so schlecht wie in Berlin. Dies ergab der neueste Mittelstandsbericht, den die Wirtschaftsauskunftei Creditreform einen Tag vor der Vorstellung des Berliner Jahreswirtschaftsberichtes veröffentlichte.

Creditreform zieht eine ernüchternde Bilanz. Zwar sei "auch in der Region Berlin und Brandenburg gegenüber dem Vorjahr eine Verbesserung der Wirtschaftslage zu erkennen", die Entwicklung bleibe aber noch deutlich hinter dem bundesweiten Trend zurück. So sei der Anteil der mittelständischen Betriebe, die über steigende Umsätze berichten, im Vergleich zum Vorjahr bundesweit von 17,2 auf 27,6 Prozent gestiegen, in Berlin-Brandenburg seien es dagegen nur 15,3 Prozent. Zu dem schwachen Abschneiden trage aber vor allem die Baubranche bei, wo nur zehn Prozent der Betriebe Umsatzsteigerungen melden, mehr als die Hälfte dagegen mit Verlusten zu kämpfen haben. Ohne den Bau sähe die Gesamtbilanz besser aus: Von den Dienstleistungsbetrieben melden knapp 19 Prozent, von den Industrieunternehmen sogar fast 33 Prozent - und damit deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt - steigende Umsatzergebnisse.

Belastend, schreibt Creditreform, wirke sich für die Unternehmen vor allem die anhaltend miserable Zahlungsmoral in der Region aus. Während sich bundesweit das Zahlungsverhalten der Kunden "erheblich verbessert" habe und Zahlungsfristen nun eher eingehalten würden, sei dies in Berlin und Brandenburg nicht der Fall. 31,4 Prozent der Betriebe litten unter Forderungsausfällen von mehr als einem Prozent, bundesweit liegt die Quote bei 22 Prozent.

Gleichwohl zeigt sich bei den Erwartungen der Unternehmer, dass sich die Stimmung in der Region belebt: In der Umfrage gaben 42,2 Prozent der Betriebe an, mit steigenden Umsätzen in den nächsten Monaten zu rechnen, bundesweit waren es 45 Prozent. 57 Prozent der Betriebe planen Investitionen. Dies wird sich mittelfristig auch auf den Arbeitsmarkt auswirken. Immerhin 19 Prozent der Betriebe gaben an, die Zahl der Beschäftigten seit vergangenem Herbst aufgestockt zu haben, fast ebenso viele planen weitere Neueinstellungen. Spitzenreiter waren dabei die Dienstleistungsbetriebe: 27 Prozent berichteten in der Umfrage über Neueinstellungen.

"Der Stadt fehlt im entscheidenden Maße eine moderne Unternehmenskultur, zu der in erster Linie Innovationsbegeisterung sowie Fort- und Weiterbildungskapazitäten zählen", kritisierte Dieter Scholz, DGB-Vorsitzender in Berlin-Brandenburg auf Anfrage. Er warf der Senatsverwaltung vor, die Investitionsquote auf niedrigem Niveau zu halten und mit dem Verkauf der öffentlichen Unternehmen vor allem die mittelständischen Unternehmen weiter zu belasten, die von deren Aufträgen lebten. Er könne "das Wetterleuchten in den Augen unseres Wirtschaftssenators" nicht verstehen, sagte Scholz dem Tagesspiegel.

Anders die Einschätzung bei der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin-Brandenburg (UVB). "Die schwierige Umstrukturierung in Industrie und Bauwirtschaft ermöglicht es uns noch nicht, mit den Werten auf Bundesebene gleichzuziehen", sagte Hauptgeschäftsführer Hartmann Kleiner. Dennoch werde der wirtschaftliche Aufschwung 2000 "nicht an Berlin vorbeigehen". Die UVB bleibe bei der Prognose von 1,5 Prozent Wachstum in Berlin in diesem Jahr. Auch die Wirtschaftsverwaltung bleibt optimistisch. Die jüngsten Ergebnisse zeigten deutlich, "dass sich das Wirtschaftsgeschehen in Berlin verbessert", sagte ein Sprecher. Die Auftragseingänge der Industrie lagen im ersten Quartal um fast zehn Prozent über dem Vorjahresniveau. Zunehmend ziehe es nun auch neue Firmen, vor allem aus dem Dienstleistungsbereich, nach Berlin, so etwa den Comic-Verlag E-Hapa, der seine Zentrale mit 200 Beschäftigten von Stuttgart nach Berlin verlagere. Zu den Zuzüglern zählten auch die Bank 24 und US-Direktbank E-Trade, die hier Call-Center eröffneten, sowie die Werbeagentur DDB Worldwide.

Die Liste der Zuzügler wird nun länger. Der Branchenprimus unter Deutschlands Werbeagenturen, BBDO, wird Anfang Oktober eine neue Tochtergesellschaft in Berlin eröffnen. Mit der langjährigen Partneragentur Litwin, Münich & Partner wurde dazu ein Verschmelzungsvertrag geschlossen, sagte der künftige Mitgesellschafter Sven John am Dienstag dem Tagesspiegel. Mit dem Zuzug auch anderer BBDO-Partner werde die neue Tochter bis Ende des Jahres rund 120 Mitarbeiter in Berlin zählen. Von der Verbindung des "kreativen Potenzials" in der Stadt mit dem internationalen Netzwerk der BBDO verspreche man sich viel. Einen Etat bringt BBDO schon nach Berlin mit: jenen des Kosmetikherstellers Margaret Astor.

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