Berlin : Mitten im Idyll

Daniela Martens

In Alt-Pankow ist die Welt in Ordung. Zumindest für Christa Linneborn–Hoffmann. „Es ist so schön, hier zu wohnen“, sagt die Galeristin und Organisatorin der alljährlichen Pankower Sommer-Kunstaktion. Und sie beginnt zu schwärmen: Die vielen besonders grünen Parks seien wunderbar gepflegt. Es gebe kaum Kriminalität, dafür eine Vielzahl von kulturellen Angeboten. Und viele neue Spielplätze, Kitas, gute Schulen, außerdem einen Kinderbauernhof. Es werde viel investiert, weil immer mehr junge Familien mit kleinen Kindern herziehen, erzählt die 55-Jährige. „In den letzten Jahren hat Pankow sein Gesicht vollkommen verändert.“

Denn so idyllisch wie heute hat Christa Linneborn-Hoffmann den Stadtteil nicht immer empfunden. Kurz nach der Wende wurde ihr Mann nach Berlin versetzt. Als eine der ersten Familien aus dem Westen zog das Paar mit drei Kindern aus Bonn nach Pankow. Denn den Ostteil der Stadt kannte man von früher. Der Ehemann hatte einige Jahre zuvor in der ständigen Vetretung der Bundesrepublik in der DDR gearbeitet.

„Anfang der Neunziger war das hier ziemlich beängstigend. Alles so trist und dunkel“, sagt Christa Linneborn–Hoffmann. Wer das nicht weiß, kann ein wenig Bezirks-Vergangenheit im Treppenhaus ihrer Galerie in der Parkstraße besichtigen. „Das ist mein Hausaltar, da kann ich den Leuten zeigen, was sich verändert hat.“ Auf den Fotos ist die klassizistische Villa – heute dezent gestrichen und von einem gepflegten Garten umgeben – in desolatem Zustand zu sehen: eine Ruine auf einer Brache, überall Mülltonnen. Ähnlich, sagt die Galeristin, habe es überall in der Gegend ausgesehen. Heute gehört die Parkstraße zwischen Schloss- und Bürgerpark, an der Panke, zu den hübschesten Wohngegenden des Bezirks: sorgfältig renovierte Häuschen, die Gärten voller Blumen, Büsche, Bäume. Keine paar hundert Meter entfernt der Schlosspark Niederschönhausen, der zu DDR-Zeiten die für das Volk gesperrt war – nicht nur, wenn Staatsgäste kamen. Oder der Majakowskiring, wo die Bonzen wohnten, ehe sie nach Wandlitz zogen. Der Muff ist raus, der alte Osten weggefegt. Von ihrer großen Dachterrasse aus blickt Christa Linneborn-Hoffmann auf das Idyll. „Pankow war vor dem zweiten Weltkrieg ein bürgerlicher Stadtteil und ist es jetzt wieder.“ West-Blick, würden Ostberliner sagen. Bürgerlich war die Gegend auch vor der Wende.

Ihr Lieblingsort ist der Anger vor der Kirche zu den vier Evangelisten, umtost vom Verkehr auf der Breite Straße. Seit zehn Jahren sorgt die Galeristin dafür, dass dort jeden Sommer eine andere Skulptur steht – in diesem Jahr heißt das Kunstwerk „Lange Bank“. „Der Bezirk hilft mir sehr bei der Suche nach Sponsoren. Es gibt in Pankow ein Netzwerk von Firmen und Privatpersonen, die sich für Kunst und Kultur einsetzen.“ Andererseits: Nach Prenzlauer Berg fährt sie gern, um zu genießen, was in Pankow fehlt: den Wein nach dem Kino in der Kulturbrauerei, ein erlesenes Mahl, den Einkaufsbummel. Da bleibt Pankow eben Dorf. Aber was soll’s: ist schließlich alles ein und derselbe Bezirk.

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