Berlin : Mitten im Leben

Marc Neller

Ein Reklameschild über der Tür, rote und orangefarbene Buchstaben darauf, „Rollos, Jalousien, Markisen“. Es ist ein kleiner Laden, dessen Wände und Fluchten voll stehen mit Sichtblenden aller Art und Größe. Er wirkt etwas aus der Zeit gefallen. Man könnte vermuten, dass Ähnliches auch für den Mann gilt, der kurz vor Geschäftsschluss vor seinem Laden steht. Dass er nicht in diese Zeit passt, nicht in diese Gegend jedenfalls.

Prenzlauer Berg, Pappelallee, Ecke Stargarder Straße, ganz in der Nähe des Helmholtzplatzes, wo Junggebliebene und Berufsjugendliche wohnen und in den Cafés sitzen. Eine Gegend, die in kaum einem Touristenführer unter „hipp in Berlin“ fehlt. Werner Castorf ist 87 Jahre alt; er sagt, er gehe abends nicht mehr oft aus. Er verkauft Rollos, Jalousien, Markisen; doch in kaum einer Gegend haben die Menschen das Leben hinter großen Fenstern ohne Sichtschutz derart kultiviert wie in diesem Stadtteil. Und nirgends in der Stadt ziehen die Menschen so oft um wie hier. Aber Castorf ist immer schon da, an dieser Straßenecke.

Die Firma, die heute Castorf OHG heißt, gibt es seit 117 Jahren. Sie ist also in etwa so alt wie der Prenzlauer Berg, Castorfs Großvater hat das Unternehmen 1889 gegründet, um die Jahrhundertwende zog es in die Pappelallee. Und Werner Castorf ist an dieser Straßenecke aufgewachsen, die Familie wohnte im ersten Stock, direkt über dem Geschäft.

Es gibt hier nicht mehr viele wie ihn, die die deutsche Geschichte durch diesen Stadtteil haben ziehen sehen. Castorf erzählt gerne von früher, von gestern ist er nicht. Als Ort für das Treffen schlägt er eines der vielen Straßencafés vor, in denen Menschen sitzen, die seine Enkel sein könnten. Ist doch toll, sagt er, dass hier solches Leben ist. Das sieht er so wie sein Sohn, der Theaterregisseur Frank Castorf, der auch in der Gegend wohnt.

Nur ein paar Gehminuten entfernt, in einer der vielen Eckkneipen, in der Prenzlauer Berg noch so aussieht wie vor der Wende, teilt man diese Ansicht nicht unbedingt. Dort lästern sie gerne mal über die „Schickimicki-Zugereisten“ aus dem Westen, die die Alteingesessenen vertrieben haben. Die Mieten könne sich doch kaum noch einer leisten.

Castorf sagt, die Zugereisten bringen Geld mit, das sie auch im Kiez ausgeben. „Das ist gut für die Gegend.“ Dass er das so sieht, ist nicht selbstverständlich. Der Besitzer des Cafés, in dem er gerade sitzt, ist ein Grund dafür, dass er aus seinem alten, großen Laden raus und ein Haus weiter ziehen musste. Er konnte die Miete nicht zahlen, der Café-Besitzer kann das. Es hat ihn verbittert damals, man merkt es noch immer.

Was ihn wirklich stört an seinem Bezirk, ist etwas Anderes: die vielen Strafzettel. Er winkt ab. „Gibt ja kaum Parkplätze hier.“ Er wohnt nur ein paar Straßen weiter, aber er braucht das Auto. „Wir leben in einer Großstadt, nicht wahr?“ Was ihn wehmütig stimmt, ist das Fehlen von Läden mit richtigen Schaufenstern, vor denen man stehenbleibt. Ihm fehlen die Leute, die am Wochenende bummeln, wie früher. Es hört sich nicht so an, als glaubte er, das noch einmal zu erleben.

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