Berlin : Mittendrin daneben

Die Ballade vom Kameramann: Der neue Fotoband mit Aufnahmen Willy Römers zeigt das Berlin der Jahre von 1919 bis 1933.

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Ein Haufen großformatiger Banknoten vor einer metallbeschlagenen Holzkiste mit Eisenhebeln, aus der Scheine quellen. Ein Junge bedient den Hebel, der Mann mit Mütze fängt wehendes Papiergeld ein, der mit Hut hat einen Eimer voll eben ausgeleert. Die Szene vom Geldeinstampfen in der Papierpresse mag inszeniert sein; erfinden kann man sie nicht. Auf weiteren Aufnahmen des Jahres 1923 protestiert eine Rentnerin mit Trauerflor und aufs Kleid geklebten Scheinen gegen die Inflation, Bankboten schleppen Waschkörbe voller Valuta zur Lohnzahlung, Kinder sammeln Abfälle, Frauen stehen am Viehhof für Fleisch an, eine alte Dame in einer Einfahrt verkauft ein Stillleben. Vor der Reichsbank-Filiale an der Niederwallstraße drängeln sich Hunderte von Kunden mit Sommerhüten.

Fotos, die vertraute Orte anders zeigen, inspirieren den Blick. Fotos einer fernen Epoche, auf denen Aktuelles stattzufinden scheint, sprechen an. Fotos, an denen zu erkennen wäre, wie sich Wahrnehmung verändert, animieren zur Wahrnehmung. Dabei ist Willy Römer, der 1887 als viertes Kind eines Schneidermeisters in der Nähe des Rosenthaler Platzes geboren wurde, kein Kunstproduzent, sondern Fotohandwerker gewesen.

Als er 1903 seine Lehre bei der Berliner Illustrationsgesellschaft, Königgrätzer (heute: Stresemann-) Straße 62 beginnt, prägt das „Autotypieverfahren“ – die neue Möglichkeit, textbegleitende Fotos massenhaft herzustellen – längst den Pressealltag. Römers Begabung für Bildkomposition, sein Interesse an Menschen und die Fähigkeit, mit der Kamera spontan auf Bewegung zu reagieren, profilieren ihn bald als Straßenfotografen. Er lernt dazu in Paris und London, arbeitet, unterbrochen von Frontjahren im Weltkrieg, bis 1933 für Berliner Agenturen. Berühmt werden seine Revolutionseindrücke im Frühjahr 1919: Spartakisten verbarrikadiert zwischen riesigen Zeitungspapierrollen. Sein Nachlass mit über 50 000 Glasnegativen ist 2009 an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gelangt. Ein Ausstellungskatalog des Deutschen Historischen Museums publizierte 2004 eine Auswahl seines Œuvres; dagegen beschränkt sich der nun (mit 60 Prozent Erstveröffentlichungen) erschienene neue Bildband auf eben diesen zeitlichen, örtlichen Fokus.

Auf dem Rauchtisch ein Radio mit Trichter. In der Raummitte die Standuhr. Davor dirigierend: das kleine Mädchen. Zwei Ehepaare, ein Geschwisterpaar und zwei Fräuleins tanzen. Eine Traumtheaterszene aus der guten Stube. Römer bietet den Gazetten Solomotive an, er fixiert das Leben: Straßenhändler, Prämierung des tiefsten Rückenausschnitts in der „Neuen Welt“ an der Hasenheide, die älteste Blumenfrau. Auch den Rosa-Luxemburg-Trauerzug, NS-Prominente und – eine Geisterszene anno 1933 – Frauen unter Gasmasken bei einem Schutzkurs. Etwas angestrengt spekuliert der Herausgeber Enno Kaufhold im Begleittext über die wohl doch naziferne Gesinnung dieses Fotografen, der beim Boykott gegen seinen jüdischen Chef 1933 den Job verlor und danach andere Auftraggeber fand. 1942 tritt er der Partei bei, arbeitet fortan für ein NSDAP-Blatt in Posen. Nach dem Krieg lebt er zum Teil von der Auswertung seiner mit neuen Bildtexten versehenen Archivschätze, stirbt 1979 in Charlottenburg. Eine Straßenkampfaufnahme von 1919 aus dem Zeitungsviertel illustriert seinen Zuschauerstandpunkt: Das MG zielt die Straße runter. Dahinter kniet ein Schütze mit Hut. Ein Stehender mit Barett weist mit dem Finger in unsere Richtung, an uns vorbei. Die Position des Profivoyeurs: mittendrin daneben.

Berlin in den Weltstadtjahren. Fotografien von Willy Römer 1919-1933. Hrsg. Enno Kaufhold. 200 Seiten, 207 Abb. Edition Braus, 39,95 Euro.

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