Mobbing in der Schule : Ausgegrenzt aus der WhatsApp-Gruppe

Experten beklagen eine neue Form des Mobbings an Schulen in Berlin. In WhatsApp-Gruppen wird gelästert – was schwere Folgen für die Opfer hat.

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Das Smartphone ist immer dabei, auch bei Pop-Konzerten. An Schulen machen Sie immer mehr Probleme. Sie werden als Mobbing-Instrumente genutzt.
Das Smartphone ist immer dabei, auch bei Pop-Konzerten. An Schulen machen Sie immer mehr Probleme. Sie werden als...Foto: imago

Sie hängen über ihren Smartphones, tippen, tuscheln, lachen und – mobben. Im Unterricht, in der Pause, zu Hause. Wo sie gehen und stehen. Die allgegenwärtigen Smartphones spielen eine immer größere Rolle im Leben der Schüler und werden zunehmend auch zum Werkzeug beim Ausgrenzen und Ablästern gegenüber Mitschülern. Neuerdings besonders beliebt: WhatsApp-Gruppen, die sich gegen einzelne Mitschüler verbünden.

„Wer darf rein in die Gruppe und wer nicht – auch über diese Frage läuft Mobbing ab“, berichtet Charlene Krüger von ihren Erfahrungen an einer Reinickendorfer Sekundarschule. Krüger gehört zu den inzwischen 100 Berliner Lehrern, die durch Psychologen der Freien Universität zu Anti-Mobbing-Experten ausgebildet wurden.

Wie wichtig es ist, Mobbing professionell und gezielt zu bekämpfen, machte FU-Professor Herbert Scheithauer am Freitag bei einer Präsentation des Projektes „Fairplayer“ deutlich: „Bundesweit sind rund eine Million Schüler von dieser perfiden Form der Gewalt betroffen“, schätzt der Entwicklungspsychologe. Die Zahl resultiert aus der Erfahrung, dass über zehn Prozent der Schüler regelmäßig mit Mobbing konfrontiert sind.

Besonders verfängliche Fotos sind ein Problem

Die einfache und massenweise Verbreitung über die sozialen Netzwerke wird besonders dann zum Problem, wenn verfängliche Fotos kursieren. Krüger berichtete von einem Berliner Fall, bei dem ein Schüler zu Nacktfotos gezwungen wurde, die dann überall auftauchten. Neben diesem Mobbing mit sexuellen Konnotationen und fremdenfeindlichem Hintergrund bestehen andere Formen des Mobbings darin, zu erpressen, zu schlagen, zu beleidigen oder Gerüchte zu streuen. Die Folgen für die Opfer sind vielfältig. Scheithauer nannte als Beispiele Hilflosigkeit, Depression, Leistungsabfall, Angstsymptomatik und selbstverletzendes Verhalten.

Stark gegen Mobbing: Die Schülersprecher vom Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Prenzlauer Berg, Can Wegener und Stella Catherine Zindi.
Stark gegen Mobbing: Die Schülersprecher vom Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Prenzlauer Berg, Can Wegener und Stella...Foto: Susanne Vieth-Entus

Angesichts der gewaltigen Verbreitung der Gewaltform „Mobbing“ finanziert die Deutsche-Bahn-Stiftung das Projekt „Fairplayer“, das bei Scheithauer an der FU angebunden ist, seit mehreren Jahren mit jährlich 150 000 Euro. „Es nutzt der Bahn, wenn die Gesellschaft gewaltfreier ist“, begründet der Leiter der Konzernsicherheit, Gerd Neubeck, das Engagement. Er hatte beteiligte Lehrer und Schüler am Freitag zu einer Fahrt im „Kanzlerwagen“ der Bahn eingeladen, um das Projekt weiter bekannt zu machen.

Klassengröße spielt kaum eine Rolle

FU-Diplompsychologe Stephan Warncke räumte bei der Gelegenheit mit „Mythen“ auf, wonach beispielsweise Mobbing in großen Schulen und großen Klassen ein besonderes Problem ist. Dies treffe ebenso wenig zu wie die Annahme, dass es in Städten mehr Problem mit dem Mobbing als auf dem Land gebe. „Entscheidend ist das Schulklima“, betonte Scheithauer. Deshalb reiche es auch nicht, nur mit den Tätern und Opfern zu sprechen. Vielmehr müsse man „über die Gleichaltrigen auf den Mobber einwirken“. Denn der Mobber ist nichts ohne all die „Verstärker“ und „Assistenten“, die ihm beim Mobben helfen.

Zu den 30 Berliner Schulen, die von Anfang an beim Projekt mitmachen, gehört das Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasium in Prenzlauer Berg. „Bei uns in der Klasse gibt es kein Mobbing“, ist sich der 18-jährige Can Wegener sicher, der die elfte Klasse des Gymnasiums besucht und Schulsprecher ist. Auch seine Klassenkameradin Stella Catherine Zindi kann sich an keinen solchen Fall erinnern. Sie ließen am Freitag keinen Zweifel daran, dass sie das Projekt „Fairplayer“ auch anderen Schulen empfehlen würden. Wer ebenfalls von den FU-Fachleuten unterstützt werden möchte, kann sich direkt an die FU wenden (www.fairplayer.de).

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