Berlin : Mobbing in der Schule: Peiniger immer öfter angezeigt

Die Sensibilität für tägliche Quälereien im Klassenzimmer wächst. Doch noch immer werden Fälle bagatellisiert, um das Schulimage zu schützen

Sandra Dassler

Eine 14-Jährige wurde von drei Mitschülerinnen immer wieder geschubst, an den Haaren gezogen und geschlagen. Cola floss in ihre Schultasche, sie erhielt Schmähbriefe. „Wenn du etwas sagst, stechen wir dich ab“, drohten ihr die drei Mädchen, die ebenso wie ihr Opfer aus sozial schwachen Familien kamen. Das ist kein Einzelfall in Berlin: Wie berichtet, erregte beim Berliner „Anti-Mobbing-Tag“ in dieser Woche eine Studie des Robert-Koch-Institutes Aufsehen, nach der sich fast jeder dritte Berliner Schüler systematisch im Klassenzimmer, auf dem Pausenhof oder Heimweg drangsaliert fühlt.

So litt ein 12-jähriger hochbegabter Junge unter den subtilen Gemeinheiten der Mitschüler am Gymnasium. Wenn er den Klassenraum betrat, wandten sich alle demonstrativ ab. Man bezeichnete ihn als Streber, beschmierte seinen Fahrradlenker mit Kot.

Schulpsychologen wissen, dass die beiden beschriebenen Fälle für zwei Arten von Mobbing stehen, die auch an Berliner Schulen verbreitet sind: Verlierer unter Verlierern und Gewinner unter Gewinnern. „Kinder aus sozial schwachen Familien, die genau wissen oder fühlen, dass sie kaum berufliche Perspektiven haben, suchen sich Bestätigung durch brutales Vorgehen gegen noch Schwächere“, sagt Christian Zorn. Er ist seit drei Jahren als Jugendbeauftragter der Polizeidirektion 3 für den Stadtbezirk Mitte zuständig und kennt auch das andere Extrem: Besonders in Schnellläuferklassen und an Eliteschulen bekämen so genannte Überflieger den Neid ihrer Klassenkameraden zu spüren.

„Warum sollte es an Schulen anders zugehen als im wirklichen Leben?“, fragt Bernd Sprenger. Der Chefarzt der Oberbergklinik für psychosomatisch Kranke in Wendisch-Rietz warnt vor einem inflationären Gebrauch des Mobbingbegriffs. Nicht jede Schulhofprügelei verdiene die Bezeichnung Mobbing. Darunter sei die systematische Herabsetzung eines Menschen durch eine Gruppe zu verstehen, wobei das Opfer über einen längeren Zeitraum tätlich oder verbal angegriffen, ignoriert und entwürdigt werde. Allerdings, meint Sprenger, sei durch die Einbürgerung des Begriffs die Sensibilität bei Eltern, Lehrern und auch bei den Schülern selbst enorm gestiegen. Christian Zorn kann das bestätigen. Er glaubt nicht, dass es dramatisch mehr Mobbingfälle als früher gibt, aber: „Es wird viel mehr bei der Polizei angezeigt als in früheren Jahren“.

Das sei auch notwendig, meint Landeselternsprecher André Schindler. Er kennt genügend Beispiele, wo Klassenlehrer oder Schulleiter entsprechende Vorfälle nicht ernst nehmen und sich Eltern in ihrer Not an den Landeselternausschuss wenden. Gerade an den Grundschulen würden die Lehrer genau merken, wenn ein Schüler gemobbt werde. Oft wüssten sie aber nicht, wie sie einschreiten sollten und manchmal bagatellisierten auch die Schulleiter die Vorfälle, weil sie um den Ruf der Schule fürchteten.

„Das sind eher Ausnahmen“, sagt Berlins Lehrersprecherin Brigitte Wilhelm. Die meisten Pädagogen würden inzwischen auch Hilfe von außen annehmen, wenn sie sich überfordert fühlten. Was entsprechende Angebote angehe, habe Berlin eine sehr gute Ausgangssituation. Darauf verweist auch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport. Nach dem Amoklauf des Erfurter Schülers Robert Steinhäuser im April 2002 wurden 15 Schulpsychologen speziell zur Krisenintervention eingestellt. Das entbinde Lehrer aber nicht von ihrer Aufsichtspflicht, sagt Bernd Sprenger. Wegzusehen, wenn ein Kind in der großen Pause gemobbt werde, sei kein Kavaliersdelikt: „Kinder sind zerbrechlich.“ Deshalb sei jeder Fall von Mobbing einer zu viel.

Christian Zorn rät Betroffenen, die Vorfälle unbedingt anzuzeigen. Dadurch könne nichts mehr vertuscht werden und man habe die Möglichkeit, einzuschreiten. „Das Schweigen der Opfer ist das Kapital der Täter“, sagt Zorn. Eine 17-jährige Schülerin beispielsweise wurde in ihrer Klasse sexuell belästigt: Mitschüler flüsterten ihr Obszönitäten zu und begrapschten sie. Als ein Schüler sie auf dem Nachhauseweg zu einigen Bauarbeitern zerrte und ihnen das Mädchen quasi anbot, brach die Schülerin zusammen. Erst da wurden die Vorfälle untersucht.

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