Mobbing : Lehrer klagen über Erniedrigungen im Internet

Eine neue Form des Mobbings breitet sich aus. Die Gewerkschaft spricht von psychischer Gewalt – die Polizei von Straftaten. Lehrer werden von ihren Schülern im Netz verunglimpft und diffamiert.

Tanja Buntrock

Auch in Berlin werden längst Lehrer von ihren Schülern im Internet verunglimpft und diffamiert. Eine „neue Form des Mobbings“ beklagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) – die schlimmsten Vorkommnisse müssten immer häufiger als Straftaten gewertet werden. Von „psychischen Gewalthandlungen“, für die „Null Toleranz“ gelten müsse, spricht die stellvertretende GEW- Vorsitzende Marianne Demmer. Die unkontrollierte Verbreitung der Inhalte über das Internet in die ganze Welt mache diese neue Form der Gewalt so unkontrollierbar und gefährlich, so die Lehrergewerkschaft. In Berlin wurden, wie berichtet, bislang lediglich Einzelfälle bekannt.

Die Polizei führt keine Statistik zu diesem neuen Phänomen, daher ist auch schwer zurückzuverfolgen, ob und wie viele Lehrer etwa Anzeige gegen Schüler erstattet haben. In Großbritannien ist das Phänomen des Mobbings per Internet oder Handy schon länger ein Thema: So war einem Lehrer vor laufender Handy-Kamera die Hose heruntergezogen worden, als er an der Tafel stand. Zwei Stunden später konnte jeder, der es wollte, die Szene im Internet ansehen. Wie Marianne Demmer sagt, habe es in Großbritannien bereits eine Umfrage unter Lehrern zum Thema Mobbing gegeben. 17 Prozent der befragten Lehrer hätten angegeben, schon einmal oder mehrfach im Netz oder per Handy gemobbt worden zu sein. Deshalb fordert Demmer Pädagogen auf, „konsequent zu handeln“. Ein solcher Vorfall solle offensiv im Kollegium besprochen werden. Genauso wie bei Fällen körperlicher Gewalt bestehe auch bei derartigen Mobbing-Taten eine Meldepflicht an den Schulrat, den schulpsychologischen Dienst und der Senatsverwaltung für Bildung. „Damit wir gemeinsam hinsehen und handeln können“, sagt Schulpsychologin Aida Lorenz, die für den Bezirk Mitte zuständig ist. Sie kennt einem aktuellen Fall, bei dem Schüler ein selbst verfasstes Gedicht über einen Pädagogen ins Internet stellten. Aus datenschutzrechtlichen Gründen wollte Lorenz nicht auf Details eingehen, doch sie betonte, dass der Inhalt stark entwürdigend und persönlich tief kränkend gewesen sei. Lehrer, die Opfer solcher Attacken wurden, fühlten sich oft „wehrlos, hilflos und erniedrigt“. Sie haben Angst, dass sie ihre Autorität, aber auch den Respekt der Schüler verlieren.

Deshalb sollten alle gemeinsam versuchen, einen solchen Vorfall „aufzuarbeiten“. Sobald die Täter entlarvt werden, sei es wichtig, dass diese auch zur Rechenschaft gezogen werden. „Es muss eine Entschuldigung geben, aber auch einen Täter-Opfer-Ausgleich“, sagt Lorenz. Hier arbeiteten die Schulen mit Experten der Polizei, so genannten Diversionsmittlern, zusammen.

Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) beschäftigt sich mit der neuen Form von Gewalt. Wie der Vorsitzende Konrad Freiberg sagte, müsste den Schülern klar gemacht werden, dass es sich nicht um „Dumme-Jungen-Streiche“ handelte, sondern häufig um Straftaten, die erhebliche Konsequenzen haben können. Die Opfer könnten durch psychische Gewalt ein Leben lang traumatisiert werden. Freiberg wies darauf hin, dass man auch überlegen sollte, die Betreiber bestimmter Internet-Plattformen zivilrechtlich zu belangen: So könnten diese auf Schadenersatz verklagt werden, falls sie die Mobbing-Inhalte der Schüler unkontrolliert über ihre Plattformen verbreiteten.

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