Berlin : Mobbingopfer oder nicht?: Beamter erschoss sich am 3. November vorigen Jahres

Guido Egli

Bianca Müller ist nervös. Sie steht auf dem Flur vor dem Saal 143 des Berliner Landgerichts am Tegeler Weg. Gleich wird drinnen der juristische Streit darum losgehen, ob sie in Zukunft nicht mehr sagen darf, was sie niemals gesagt haben will. Dass nämlich der 53-jährige Berliner Polizist M. sich am 3. November letzten Jahres deshalb eine Kugel durch den Kopf geschossen hat, weil er gemobbt wurde. Bianca Müller ist Polizistin und Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten. Belangt wird sie vom Polizeidirektor K., dem Vorgesetzten des Polizisten M. Auch auf den Zuschauerbänken des Saals 143 sitzen neben zahlreichen Presseleuen viele Polizisten in zivil. Und auch der oberste Berliner Polizist, Polizeipräsident Hagen Saberschinsky, spielt eine Rolle in dem Spiel. Allen ist klar: Hier geht es nur vordergründig um M. oder K. Hier geht es um die unfassbare Geschichte der Bianca Müller. Die tritt nun, da die Verhandling beginnt, mit ihrer dunklen Löwenmähne in die Höhle der Löwen.

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"Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich nie behauptet habe, dass M. sich wegen Mobbing das Leben nahm", sagt Müller mit leiser Stimme vor Gericht. Die Sache ist die: Nach dem Suizid von M. verbreitete Bianca Müller eine Pressemitteilung. Darin warf sie den Behörden vor, die Hintergründe des Freitodes zu verharmlosen. Während die Polizei angegeben habe, der Tod habe "keine dienstlichen Gründe", sähen Kollegen und Angehörige das anders. In der Mitteilung erinnert sie zudem ausführlich an den Jahre zurückliegenden Suizid der Polizistin Stefanie L., die ebenfalls unter dem Vorgesetzten K. gedient hatte und sich gemobbt fühlte. In der Folge verbat K. mit einer einstweiligen Verfügung Bianca Müller den Mund. Das Gericht hatte gestern über die Rechtmäßigkeit dieser Verfügung zu befinden. Um es kurz zu machen: Nach einer gut einstündigen, zuweilen äusserst polemisch geführten Debatte darum, was eigentlich Mobbing sei und was nicht, was eigentlich in Müllers Pressemitteilung gestanden habe und was nicht, kam der Richter zum Urteil, dass der Maulkorb angeschnallt bleiben soll.

Vorher brüllte die Löwin aber nochmal gewaltig. Während der Verhandlung nutzte Müller die Gelegenheit, zu wiederholen, dass in der Berliner Polizei laut einer Studie 1800 Gemobbte auf insgesamt 12 000 Beamte kommen. Nach Zahlen der Berliner Polizei sind es bloß deren zwei. Müller hat während ihres langen Anti-Mobbing-Kampfs schon über dreißig Anzeigen gegen Kollegen erstattet, ähnlich oft wurde sie selber angeklagt. Der nächste Verhandlungstermin ist schon bald. Dann wird Berlins Polizeipräsident Hagen Saberschinsky ihr Gegner sein. Seine Klage betrifft ebenfalls den Fall M. Auch der Polizeipräsident hatte Müller nach deren Pressemitteilung per einstweilige Verfügung verboten, M.s Tod weiterhin als Folge von Mobbing darzustellen. Doch Müller will diese Verhandlung zum Gegenangriff nutzen. Weil Saberschinsky behauptet habe, M.s Suizid habe keine dienstlichen Hintergründe, mache sich dieser "eines Offizialdeliktes schuldig", so Bianca Müller gestern am Rand der Gerichtsverhandlung. Saberschinsky habe nämlich von Anfang an Kenntnis gehabt von der Todesermittlungsakte zum Fall M., in der M.s Angehörige bestätigen, dass M. "mehrfach über dienstliche Probleme" geklagt und deswegen an Schlafstörungen gelitten habe.

Mobbing-Opfer überall. Auch Bianca Müller gehörte zu ihnen, bevor sie Mobbing-Anklägerin wurde. Und Saberschinsky war schon ihr oberster Vorgesetzter, als sie noch Sven Müller hieß und ein Mann war. Denn die heute 47-Jährige, die als Hermaphrodit zur Welt kam, ließ sich vor neun Jahren zur Frau umoperieren. Danach wurde sie, nach eigenen Angaben, denunziert, von Kollegen belästigt und musste als erfahrene Hauptkommissarin weit unter ihrer Qualifikation arbeiten. "Ich wurde durch Gesetz und Umwelt ein Leben lang vergewaltigt", sagte Bianca Müller einmal. Sie ist wild entschlossen, zu verhindern, dass es anderen in ihren Reihen ebenso geht.

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