Berlin : Mobile Telefoniersucht: Viele Schüler jobben nur noch für die Handy-Rechnung

Jörn Hasselmann

Mobiltelefone werden Weihnachten wieder ein beliebtes Geschenk sein, besonders für Kinder und Jugendliche. Doch mit den Geräten, die oft zum Lockpreis von einer Mark angepriesen werden, sind meist unübersichtlich hohe Gebühren verbunden. "Die meisten Jugendlichen haben keine Ahnung von den Nebenkosten", sagt Daniel Klix von der Schuldnerberatung der Caritas. Nicht selten vertelefonieren Jugendliche 1000 Mark im Monat. Und nicht nur Eltern, auch Lehrer werden von Handys geplagt: Immer mehr Schulen sprechen Verbote aus. Den Lehrern geht das Gebimmel auf die Nerven, und in Klassenarbeiten wird damit gemogelt.

"Wenn es klingelt im Unterricht, kassieren wir das Ding ein und stecken es in den Tresor", sagt Karla Werkentin, die Leiterin der Heinz-Brandt-Hauptschule in Weißensee. Die Eltern müssten dann kommen und das Telefon abholen, beschreibt Werkentin das kompromisslose Vorgehen der Schule. "Das hat sich schnell rumgesprochen." Zudem sei seit langem ein Verbot der Geräte in der Schulordnung verankert. "Deutlich über 50 Prozent" ihrer Schüler hätten ein Mobiltelefon, schätzt die Schulleiterin.

Aus Gesprächen vom Pausenhof kennt die Lehrerin auch das Schuldenproblem, das viele ihrer Schüler mittlerweile plage. Viele jobbten in ihrer Freizeit nur für ihr Telefon. "Man braucht kein Telefon in der Schule, da muss man gar nicht drüber diskutieren", sagt Werkentin. "Das ist ein Statussymbol, und zwar für Hauptschüler wesentlich stärker als für Gymnasiasten."

Dem stimmt Joachim Schroll vom Paulsen-Gymnasium in Steglitz zu. Nur selten werde der Unterricht gestört, sagt der Mathelehrer. Da es kaum Probleme mit der Klingelei gebe, habe man auch kein Verbot in die Hausordnung geschrieben. Das Hauptproblem der drahtlosen Kommunikation sei die Schummelei beim Abitur. Bei den vielstündigen Abi-Arbeiten gibt es in der Paulsen-Oberschule seit einiger Zeit zwei Lehrer zur Aufsicht - einen im Klassenzimmer - und einen als "Begleitschutz", der die Schüler aufs Klo begleitet. "Die horchen dann, ob gesprochen wird", berichtet Schroll.

SMS: Short-Message-Schummeln

Dauert die Klo-"Sitzung" zu lange, wird von SMS ausgegangen, also Kommunikation per schriftlicher elektronischer Mitteilung über die Handy-Anzeige ("Short Message Service"). In Sekundenschnelle würden Aufgaben vom Klo an einen klugen Freund geleitet, der Minuten später die Lösung per SMS sendet. Die SMS-Mogel-Manie beklagt auch Werkentin: "Die können ihre Rechenaufgaben nicht, sind aber Experten in dieser SMS-Technik."

Auch wenn eine SMS nur 40 Pfennig kostet, in der Masse kommen schnell erkleckliche Summen zusammen. Die Berliner Verbraucherzentrale rät Eltern dringend, nur Telefone mit so genannten Prepaid-Karten ohne Vertragslaufzeit zu verschenken. Diese Geräte haben ein eingebautes Guthaben, ist es abtelefoniert, ist es mit dem Anrufen vorbei. Man solle aber darauf achten, dass die Sperre auch für SMS gilt. Denn bislang konnten auch mit abgelaufenen Prepaidkarten die elektronischen Mitteilungen verschickt werden. Ab 1. Januar gibt es bei allen Telefonanbietern - Festnetz und mobil - zudem die Möglichkeit, einen Höchstbetrag für die Gebühren festzulegen. Ist ein vorher festgelegtes Limit erreicht, schaltet sich das Gerät ab. Das löst aber nicht alle Probleme. Schuldnerberater Klix berichtet, dass viele Schüler sich das Geld für neue Karten liehen, entweder bei Freunden oder über den Dispokredit, wenn sie in der Ausbildung sind. Am Ende werden die Eltern von astronomischen Rechnungen aufgeschreckt.

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