Berlin : Mobilfunk: Sendestörung

Tobias Arbinger

Ursula D. konnte es kaum fassen. Bauarbeiter waren auf dem Dach schräg gegenüber ihrer Friedrichshainer Wohnung in der Grünberger Straße zu Gange. Was denn dort montiert werde, rief sie hinüber. "Eine Mobilfunkantenne." D. hatte schon einiges gehört über die Sendeanlagen und über angebliche Gesundheitsgefahren. "Absolut unglaublich" findet sie, dass ihr Vermieter so ein Gerät über ihrem Kopf anbringen lässt, ohne sie in Kenntnis zu setzen.

Zum Thema Ted: Aufstellungsstopp für neue Mobilfunk-Masten? Die Friedrichshainer Hausgemeinschaft will lieber ohne Funkmast leben. Sie erkundigte sich beim Bundesamt für Strahlenschutz, beim Mieterverein und bei einem Anwalt nach ihren Rechten. Mit entmutigendem Ergebnis. Im Prinzip hätten die Mieter "keine Ansprüche" auf einen Abbau, hieß es. Sie habe aber weiterhin ein "komisches Gefühl, wenn ich in die Wohnung gehe", sagt Ursula D. Die Antenne lässt sie nicht mehr los.

Erfahrungen dieser Art machen derzeit viele Mieter in Berlin. Im ganzen Land wird immer mehr mit dem Handy telefoniert. Die Mobilfunkbetreiber rüsten ihre Funknetze auf, vor allem wegen der Einführung der neuen UMTS-Technik. Dafür sollen in Berlin bis 2003 zu den bestehenden rund 2000 Sendemasten auf den Dächern der Stadt noch einmal 2000 installiert werden.

Doch aus Furcht vor Gesundheitsschäden durch die von den Antennen ausgehenden elektromagnetischen Felder ziehen immer mehr Menschen dagegen zu Felde, neben Mietern auch Elternvertreter und Bezirksverordnetenfraktionen. Die Zahl der Betroffenen, die sich beim Mieterverein meldeten, habe stark zugenommen, sagt Geschäftsführer Hartmann Vetter. Dabei kann er ihnen kaum Hoffnung machen: Juristisch sei das derzeit "nicht in den Griff zu kriegen."

Es ist nämlich nicht bewiesen, dass die Antennen schädlich sind. Wissenschaftlern zufolge haben unzählige Studien keinen Beweis für eine Gefahr durch die elektromagnetischen Felder erbracht. Und auch die im Bundesimmissionsschutzgesetz festgelegten Grenzwerte für die Sender sind "aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht derzeit in Ordnung", sagt der Sprecher des Bundesumweltministeriums, Jürgen Maaß. Zu diesem Resultat kam vor kurzem die Strahlenschutzkommission des Bundes.

Kritischere Forscher weisen allerdings auf Verdachtsmomente hin. Danach ist nicht ausgeschlossen, dass ein Zusammenhang zwischen der Strahlung und Beschwerden wie zum Beispiel Schlaflosigkeit, aber auch zu schweren Krankheiten wie Krebs besteht. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) fordert deshalb, dass die Grenzwerte vorsorglich abgesenkt werden. Der Aufbau von Sendeanlagen in der Nähe von Kindertagesstätten und Krankenhäusern sowie in Wohngebieten sollte ganz unterbleiben.

In Berlin sind derweil die ersten Kläger gegen die Antennen vor Gericht gescheitert. Joachim Kinder, Bewohner eines Mietshauses in der Jänickestraße in Zehlendorf, setzte sich vor dem Schöneberger Amtsgericht gegen eine Sendeanlage zur Wehr, die Mannesmann auf das Dach seiner im siebten Geschoss liegenden Wohnung errichtet hat. Der Werkstoffwissenschaftler klagt seitdem über Schlafstörungen. "Ich gehe nach wie vor davon aus, dass eine Gesundheitsgefahr nicht ausgeschlossen ist," sagt er.

Ein Urteil des Amtsgerichts München machte Kinder Hoffnung. Das gab 1998 einem Mieter Recht, der gegen eine Antenne auf seinem Dach klagte. Die davon ausgehende Strahlung wurde als Mietmangel anerkannt, obwohl sie die Grenzwerte unterschritt. Das Einzigartige an dem Urteil: Nach Auffassung des Gerichts reichte allein die Angst des Mieters vor "Elektrosmog" aus, um den Mangel zu begründen. Das Berliner Gericht sah die Sache anders. Kinder unterlag, hat aber Berufung eingelegt.

Hartmann Vetter vom Mieterverein empfiehlt Ratsuchenden, die tatsächliche Belastung "ihrer" Antenne zunächst messen zu lassen. Das koste ein paar hundert Mark, könne aber sehr beruhigend wirken. Denn die Ergebnisse lägen meist um ein Vielfaches unter dem Erlaubten, sagt Vetter.

Dem Protest begegnen die Handyunternehmen mit einer Informationskampagne. Die sechs UMTS-Lizenznehmer haben ein "Informationszentrum Mobilfunk" (IZMF) ins Leben gerufen.

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