Berlin : Mobilfunkantennen: Die große Angst vor den unsichtbaren Strahlen vom Dach

Tobias Arbinger

Bernd Overwien hat eine tolle Aussicht. Bis zum Kanzleramt im Großen Tiergarten kann der Erziehungswissenschaftler von seiner Wohnung im fünften Stockwerk aus sehen. Seit die Lage des Mietshauses in der Moabiter Spenerstraße auch das Interesse des Mobilfunkunternehmens D 2 Vodafone auf sich gezogen hat, ist Overwien die Lust am tollen Fernblick jedoch vergangen: Im Februar hievte D 2 eine etwa sechs Meter hohe, graue Antenne aufs Dach, montierte sie direkt über dem Zimmer von Overwiens achtjährigem Sohn. Seitdem herrscht im Haus Furcht vor Elektrosmog.

Overwien misstraut dem Gerät, das Handy-Gespräche übertragen soll, er befürchtet gesundheitliche Schäden durch das darum liegende elektromagnetische Feld. Ebenso seine Nachbarin Antje Goll: "Ich habe Angst vor dem Ding, vor allem wegen der Kinder." Die Hausgemeinschaft wehrt sich gegen die Antenne. Etliche Mieter haben das der Verwaltung geschrieben. Einige wollen demnächst sogar weniger Miete bezahlen.

Streit wie in der Spenerstraße gibt es derzeit vielerorts. Mal läuft eine Initiative in Bayern Sturm gegen einen Mobilfunkmast, mal eine andere gegen einen in ihrem Ortskern. In Berlin verzichtete unlängst eine Lichterfelder Gemeinde auf eine Sendeanlage auf der Kirche - Anwohner hatten dagegen protestiert. Für die Schädlichkeit der Mobilfunkstrahlung gibt es keinen Beweis. Zurzeit bestehe "kein ausreichender Grund für eine Beunruhigung der Bevölkerung, was die Nutzung der Mobilkommunikation betrifft", sagte vor kurzem der nordrhein-westfälische Elektropathologe Jörg Reißenweber auf einer Anhörung der Bundesärztekammer. Viele Forscher äußern sich ähnlich.

Kritiker der Mobilfunkantennen, wie der Lübecker Wissenschaftler Lebrecht von Klitzing weisen allerdings auf "Reaktionen des biologischen Regelsystems" hin, die nicht unterschätzt werden sollten. Von Klitzing spricht von einem "Gefahrenmoment". Auch wenn die Schädlichkeit nicht belegt werden könne, sollte man die Antennen vorsorglich nicht in der Nähe von Wohnungen installieren (siehe nebenstehender Beitrag). Einen "Glaubenskrieg" hat der Vorsitzende des Mietervereins, Hartmann Vetter ausgemacht. "Mietrechtlich ist da wenig zu machen." So lange die Strahlung der Anlagen die gesetzlichen Grenzwerte nicht überschreite, seien sie rechtmäßig.

Schätzungsweise 2000 Mobilfunksendeanlagen wurden nach Angaben eines Branchenkenners seit Anfang der 90er Jahre in der Stadt aufgebaut, vorzugsweise an hohen Stellen. Wegen des anhaltenden Handybooms soll das Netz noch dichter werden. Sein Unternehmen plane allein in diesem Jahr 200 neue Stationen in der Stadt, sagt D 2 Vodafone-Sprecher Matthias Andreesen. "Wir brauchen sie, weil mehr Leute mehr telefonieren und einen guten Empfang haben wollen." Die Antennen sind zudem ein gutes Zubrot für die Hausbesitzer. Um die 10 000 Mark Miete bringe eine pro Jahr ein, heißt es. Manche auch mehr.

Mit dem Mastenwald wuchs die Zahl der Gegner. Allein drei Dutzend Mal haben besorgte Anwohner seit Anfang 2000 bei der Berliner Baubiologie-Firma Trumpa Messungen in Auftrag gegeben. Trumpa vermittelt einen Experten, der mit seinen Geräten Mobilfunkmasten anpeilt. Auch der Zehlendorfer Joachim Kinder hat in seiner Mietwohnung Messungen von einem Umweltanalytiker vornehmen lassen. Ende vorigen Jahres errichtete D 2 auf dem Dach seines Hauses in der Jänickestraße eine Mobilfunkantenne. Das Haus, das früher zu einer Siedlung der US-Allierten gehörte, ist sieben Stockwerke hoch. Auch hier sorgen sich vor allem Familien mit Kindern und Mieter aus den oberen Etagen, sagt der Werkstoffwissenschaftler.

Mieter Kinder informierte sich über Elektrosmog und leitete weitere Schritte ein. Auch in seinem Haus wurden Unterschriften gesammelt. Das Ergebnis der ersten Messung, die zum Vergleich vor Inbetriebnahme des Senders auf dem Dach gemacht wurde, habe ihn "umgehauen", erzählt Kinder. Es habe zwar "weit unter" den Grenzwerten der Immissionsschutzverordnung gelegen, aber gezeigt, dass die Wohnung einer "relativ hohen" Grundbelastung ausgesetzt sei - durch bereits bestehende Mobilfunkantennen in der Umgebung und durch Flughafenradar.

Kinder sieht sich in seiner Skepsis bestätigt. Er zieht gegen die neue Antenne vor Gericht. Eine Gesundheitsgefahr sei schließlich nicht widerlegt, argumentiert der Zehlendorfer Mieter. Ihm ist der Wissensstand über die neue Technik noch zu vage: "Man weiß nichts Genaues, aber man pflastert die Landschaft zu." Antje Goll, die Antennen-Gegnerin aus der Spenerstraße, ist ähnlicher Meinung. Man müsse "schlau werden aus den Erfahrungen mit Formaldehyd und Asbest", Risikostoffen, die man zu lange unterschätzt habe.

"Es gibt aufgrund von Mobilfunk keine gesundheitlichen Schädigungen. Das ist der aktuelle Stand der Wissenschaft", sagt hingegen D 2-Sprecher Andreesen. Mehr als 20 000 Studien seien zum Thema veröffentlicht worden. Allerdings registriert auch Andreesen zunehmende Ängste. "Wir nehmen die Sorgen ernst", sagt er. Man dürfe jedoch die psychologische Ebene nicht außer acht lassen: "Wenn jemand Angst vor etwas hat, kann das auch Auswirkungen zeitigen." Funkwellen seien "etwas Dubioses", sagt der Mobilfunkmann. "Man sieht sie nicht, schmeckt sie nicht und riecht sie nicht, aber trotzdem sind sie da."

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