Mode: Das Label Zukker : Designer ziehen Halle Berlin vor

Das Designteam des Labels Zukker braucht Idylle zum Arbeiten, Berlin lenke da nur ab. Trotzdem sind sie immer öfter in Berlin. Ein Leben zwischen Muße und Überflutung.

Lisa Kober
Mitten ins Gelbe. Herzstück jeder Kollektion ist der Mantel. Hier einer aus gelbem Lodenstoff, der auf der Fashion Week in Berlin zu sehen war.
Mitten ins Gelbe. Herzstück jeder Kollektion ist der Mantel. Hier einer aus gelbem Lodenstoff, der auf der Fashion Week in Berlin...Foto: promo

Mitten in Halle steht das Designhaus, gleich neben Burg Giebichenstein, der Kunsthochschule der Stadt. In diesem Teil des Paulusviertels ist es ruhig. Von außen wirkt der große Altbau verlassen, doch hinter dem Gebäude ergibt sich ein ganz anderes Bild: Dort sind Druckerei und Textilmanufaktur, die von Designstudenten genutzt werden; selbst an Sonntagen geht es hier lebendig zu. Auf den Balkonen des Designhauses halten Designer, Fotografen und Grafiker ihre Gesichter in die Mittagssonne. Der angrenzende Park und der Mühlgraben sind von jungen Familien bevölkert.

Für die drei Designer des Labels Zukker ist diese Idylle gerade richtig, um ihre Mode zu entwerfen – und nicht etwa Berlin, obwohl dort regelmäßig die Fashion Week stattfindet und viele Designer alleine schon in die Hauptstadt ziehen, um näher am Geschehen zu sein. Für die drei von Zukker aber stand erst einmal Paris auf dem Plan, dort stellten sie letztes Jahr ihre Sommerkollektion in einem Showroom vor. Im Januar wollten sie es dann doch wissen und luden zum ersten Mal während der Fashion Week nach Berlin zu einer Modenschau ins Zelt am Brandenburger Tor ein.

„Wir hatten eigentlich keine großen Erwartungen an die Schau“, sagt Benjamin Kräher. „Uns geht es darum, unser Label noch mehr auf den Moderadar zu bringen“, ergänzt seine Designkollegin Heike Beck. Für Zukker war diese Fashion Week eher Kundenpflege: „Die Einkäufer, die uns bereits unterstützen, haben sich die Schau angesehen und dann vor Ort geordert. Außerdem wurden dadurch mehr Medien auf uns aufmerksam“, sagt Kräher. Zukker verbucht den ersten Auftritt auf der Fashion Week in Berlin als Erfolg, die Designer wollen sich ab jetzt regelmäßig dort präsentieren. Konstant auf der Bildfläche zu erscheinen, ist Kräher wichtig.

Zusammen mit seinen ehemaligen Mitstudenten Sebastian Schettler und Heike Becker will er aber trotz ansteigender Berlinpräsenz in Halle bleiben. Ein Umzug in die Hauptstadt kommt nicht infrage: „In Halle können wir viel unabhängiger arbeiten“, sagt Kräher, und Heike Becker fügt hinzu: „In Berlin bekommt man als Designerin geradezu eine Überdosis an Eindrücken. Hier können wir uns zum Arbeiten zurückziehen und uns auf das konzentrieren, was wir können.“

Besonders gut können Zukker Mäntel, die Königsdisziplin im Modedesign: Die Schnitte sind technisch anspruchsvoll, oft werden schwierige Materialien in großen Mengen verarbeitet. Pfusch wie lose Nähte am Futtersaum oder schlecht angesetzte Schultern gibt es bei diesem Label nicht.

Ein perfekt gearbeiteter Mantel ist vor allem deswegen ein wichtiges Teil einer Kollektion, weil dafür hohe Preise kalkuliert werden können, die der Kunde als gerechtfertigt empfindet. Anfangs gab es von Zukker ausschließlich Mäntel, inzwischen sind daraus komplette Kollektionen geworden. Trotzdem bleibt die Marke ihren Anfängen treu und präsentiert in ihren Kollektionen immer mehrere unterschiedliche Mantelentwürfe, die immer noch das Herzstück sind.

Die Fashion Week 2015 in Bildern
Die Mainzer Designerin Anja Gockel zählt zu den jährlichen Stammgästen auf der Fashion Week.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: AFP/ JOHN MACDOUGALL
19.01.2015 14:20Die Mainzer Designerin Anja Gockel zählt zu den jährlichen Stammgästen auf der Fashion Week.

Diesmal zeigte Zukker auf der Fashion Week Mäntel aus grauer Schurwolle, geschnitten wie moderne Kimonos, einen gesteppten Mantel mit angeschnittenen Ärmeln in Knallgelb, solche aus durchscheinendem Mesh und natürlich als Klassiker einen gerade fallenden Mantel mit weiten Ärmeln.

Bei der Arbeit zeigen sich die drei unterschiedlichen Fachrichtungen der Designer. Alle haben zwar Mode studiert, aber die beiden Männer haben auch in Grafik- und Produktdesign eine Ausbildung. Obwohl jeder seine Aufgabe hat, wird bei Zukker viel diskutiert. So entsteht eine ausgewogene Mischung aus tragbaren Stücken wie dem halbärmeligen, gelben Lodenmantel mit praktischem Reißverschluss und etwas verrückteren Teilen wie dem exzentrischen Lederjackenkleid mit gesteppten Ärmeln, das „einem emotionalen Kreativausbruch geschuldet ist“, wie Schettler erzählt. Neben Ausgewogenheit ist den dreien Kontinuität wichtig: „Es gibt viele neue Labels, und immer kommen welche dazu, da muss man durch kontinuierlich gute Arbeit überzeugen“, sagt Becker.

„Viele Ladeninhaber beobachten ein neues Label erst einmal und schauen, wie es sich entwickelt“, erklärt Sebastian Schettler. Kein Einkäufer investiert gerne in Marken, die schnell wieder von der Bildfläche verschwinden. Zukker sind auf Langfristigkeit angelegt. Dabei half auch der Schritt nach Paris, der die Marke bei der deutschen Kundschaft aufwertet: „Die Deutschen vertrauen ihrem eigenen nationalen Modegeschmack nicht immer“, vermutet Heike Becker.

Bisher ließ Zukker ausschließlich in Deutschland produzieren – vorwiegend im Erzgebirge, wo Sebastian Schettler und Benjamin Kräher geboren sind. Sie kennen die Hersteller persönlich. „Uns ist wichtig, dass wir wissen, wo die Sachen herkommen und vor allem, wie sie produziert werden“, sagt Becker.

Die Designer stehen hinter ihrer Arbeit, weil sie jeden Schritt gemeinsam beschließen. Auch beim Thema Online-Shopping sind sie sich einig: „Ein Online-Shop ist vorerst nicht geplant“, sagt Heike Becker. „Wir bräuchten ein großes Warenlager, und Vertrieb ist nun mal nicht unser Metier.“ Sich nicht verzetteln, sondern auf das Wesentliche konzentrieren, lautet die Devise.

Halle als Kreativzentrum würden die drei Designer von Zukker selbst nach einem großen Durchbruch nicht so schnell aufgeben. „Es ist auch ein Stück weit Ehrensache, in Halle zu bleiben“, sagt Schettler, „durch Burg Giebichenstein und das Designhaus wurde uns so viel ermöglicht, wir bleiben gerne hier“.

Der Blick nach draußen verrät, warum. Am Mühlgraben tummelt sich eine Biberfamilie, die ungestört am Ufer ihre Holzvorräte zusammenträgt. So viel geschäftige Idylle muss doch anstecken.

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