Berlin : Mode in Berlin: Der Traum bleibt weiß

Esther Kogelboom

"Ganz in weiß, mit einem Blumenstrauß", trällerte Roy Black. "So siehst du in meinen schönsten Träumen aus." Das war vor 35 Jahren. Inzwischen ist viel passiert: Frauen schmissen ihre Büstenhalter ins Feuer, und Roy Black ist tot. Aber der Traum von der Hochzeit in unschuldigem Weiß lebt. Bräute von heute bevorzugen allerdings elfenbeinweiß, grauweiß, sahneweiß und cremeweiß. Sogar goldweiße Kleider gibt es in dem Laden von Beate Nußbaum, die eigentlich täglich die Schaufensterscheiben putzen lassen müsste - so viele Menschen drücken sich innerhalb kürzester Zeit am Fensterglas von "Nubis Nobilis" die Nase platt.

Drinnen tönen italienische Arien, und auf einem grauweißen Tisch stapeln sich Magazine mit Titeln wie "Wedding" oder "Living". Eine "Wedding"-Ausgabe ziert ein stark vergrößertes, handelsübliches Benzin-Feuerzeug mit der Gravur "Marry me" für den Heiratsantrag in Marlboro Country. Die Brautkleider, die in dem großzügigen Geschäft an den gusseisernen Ständern hängen, kommen dagegen aus Belgien, Frankreich, Spanien und Italien - alles hochwertige Musterstücke. Ob schlicht, aufgebauscht, fließend oder gerafft: Die Auswahl ist groß, aber Beate Nußbaum ist unendlich geduldig und steht jeder Kundin beratend zur Seite. Mindestens drei Stunden Zeit nimmt sie sich nach Terminabsprache. "Eine Durchschnittsbraut probiert sechs bis zehn Modelle", sagt die Expertin, die von allen Anproben Fotos macht. "Es kommen Frauen ab 30, die schon Karriere gemacht haben und wissen, was sie wollen." Eine Durchschnittsbraut lässt ihren Zukünftigen bei der folgenschweren Anschaffung auch lieber daheim, denn der Bräutigam soll schließlich in der Stunde der Wahrheit erst überrascht, dann hingerissen und schließlich durch die seidene Verpackung zum Ja-Wort mitmotiviert werden. Außerdem soll das vorzeitige Vorzeigen Pech bringen, heißt es.

Andrea Brewitt ist gegen solche Mythen resistent. Die Kölnerin heiratet am Freitag, dem 13. Oktober, - auf Ibiza, am Strand. "Da kommen wirklich nur Freunde und nahe Verwandte", sagt sie. "Die alten Tanten bleiben zu Hause." Ihrem Zukünftigen hat es angesichts der üppigen Auslagen im Schaufenster von "Nubis Nobilis" vor Entsetzen die Sprache verschlagen. "Du wirst doch wohl nicht... in so einem Kleid...", habe Frau Brewitts Gatte in spe, verstört ob so viel Pomp, verlautbaren lassen.

Braut und Brautausstatterin stehen zusammen und kichern. Weil der Noch-Freund seine Süße mit den strubbeligen Haaren in Spanien zwar in einem Kleid antreffen wird, aber in einem sehr schlichten, fast sportiven Kleid mit integrierter Hose. Andrea Brewitt ist zur letzten Anprobe des asymmetrisch gerafften Luxus-Teils erschienen. Die 3000 Mark sind gut angelegt, die 33-Jährige betrachtet sich zufrieden im riesigen Spiegel der sogar mit Fußdeodorant ausgestatteten Umkleidekabine. "Sie hat zwei Kinder, das muss man sich mal vorstellen", sagt Beate Nußbaum und nestelt an Andrea Brewitts Rockbund. "Viel Stress", erklärt diese den leichten Gewichtsverlust. Ganz Köln hat sie vergeblich nach einem passenden Kleid durchforstet.

Garantiert schon mal getragen sind die Hochzeitskleider von "Sterling Gold". Der Edel-Second-Hand-Laden liegt idyllisch in den Heckmannhöfen und birgt neben klassischer Abendmode einen großen Fundus weißen Stoffs mit Patina. "Wir sind ein echter Ausbildungsbetrieb", sagt Andrea Jacobs, deren Freund Michael Boenke das "Sterling Gold" leitet. Zwei Azubis und eine Schneidermeisterin arbeiten in der angeschlossenen Schneiderei unermüdlich mit den alten Stoffen: Sie bügeln ein einziges Kleid bis zu acht Stunden, bekämpfen jeden Flecken mit geheimen Mittelchen, applizieren Blümchen auf Brandlöcher und schneidern das heiratserfahrene Kleid auf die Formen der Kundin zu.

Michael Boenke hat Mitte der 80er Jahre etwas getan, was Frauen im Allgemeinen wichtiger finden als Liebe, Anträge und den ganzen schwammigen Schmäh: Er ist nach Amerika gefahren und hat dort eine Viertelmillion Kleider auf einen Schlag geshoppt. Wo und für wie viel Geld behält seine Freundin ebenso unter Verschluss wie die Rezepte der Fleckenmittelchen. Ist ja auch egal. "Dass man nicht weiß, wer früher in dem Kleid gesteckt hat, ist der Spaß dabei", sagt Andrea Jacobs. Wer also ein Kleid mit 20-Meter-Schleppe sucht, wird hier fündig und freundschaftlich beraten. Mit fachmännischem Blick erkennt Jacobs wie bei "Wetten, dass...?" anhand des Reißverschlusses, aus welcher Zeit das Modell stammt. "Metall gab es in den USA nur bis in die 50er Jahre." Danach brach die Plastik-Ära an.

Vornehmlich "Internetfrauen" kommen in den dramatisch eingerichteten Laden, weiß Frau Jacobs. Von wegen coole Karrierefrau, die nur am Computer sitzt, im Internet surft und ansonsten an ihren Werdegang denkt - kaum im Brautmodenladen, gehen ihnen allen die Augen über. "Und oft fällt die Wahl auf das erste Kleid, das die Frau in der Hand hält", erklärt Jacobs. Ganz schrecklich findet sie es, wenn die Braut vor dem Kauf mit dem Delinquenten Rücksprache nehmen will oder von dem Antragsteller begleitet wird. "Dann schicken wir ihn Kaffee trinken. Schwule Freunde der Braut sind oft die besseren Berater." Die Auswahl könne oft Tage bis Wochen dauern. In der Ecke steht ein Kleiderständer mit den Modellen, die auf ihre Bräute warten. Zettel mit den Namen und Telefonnummern der Frauen pieksen mit Stecknadeln im feinen Stoff. Eines wartet schon ein halbes Jahr.

Statt Opulenz, Tand und rosarotem Schnickschnack findet die Heiratswillige bei "Ultramarin" am Kollwitzplatz eher burschikose Brautfummel, die man auch nach dem Fest wieder anziehen kann. Antje Beronneau, die zur standesamtlichen Hochzeit im März noch ein blaues Umstandskleid mit passendem Hut trug, wählte in dem unspektakulären Geschäft mit orangefarbener Plüschmode ein einfaches weißes Kleid mit ebensolcher Kapuzenjacke - und nimmt so den klassischen Schleier ironisch auf.

Die 35 Jahre alte Neurologin und Psychiaterin lernte ihren Liebsten während eines "körperorientieren Psychoseminars" kennen. Bei ihrer ersten Hochzeit war Beronneau noch "trachtenmäßig" angezogen, inzwischen schiebt die Frau mit den sympathischen Sommersprossen ihr drittes Kind, die kleine Marie-Charlotte, im Kinderwagen über den Kollwitzplatz. 750 Mark hat sie bei "Ultramarin" für die Spezialanfertigung bezahlt. "Mischfinanzierung. Der Brautvater musste ja schon einmal ran." Antje Beronneau und ihr Mann wollen sich im schönen Wien das kirchlich-evangelische Ja-Wort geben und anschließend beim Heurigen mitten am Weinberg feiern. Sie blickt in ihre blaue "Ultramarin"-Tüte, auf ihr ungewöhnliches, aber dennoch weißes Hochzeitskleid: "Ein bisschen Show muss sein", meint sie und grinst.

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