Berlin : Mode in Berlin: Markenwahn und Cliquenshopping

Markus Huber

Die ersten fünf Tage ihres Lebens sind alle Menschen gleich, soviel Zeit für experimentellen Sozialismus muss sein, da sorgt das Krankenhaus für. Auf der Säuglingsstation - weisse Einheitsstrampler, alle Menschen werden Brüder, ja.

Aber kaum werden die Neugeborenen in die Hände ihrer Mütter, Tanten und Omis entlassen, schon beginnt der kleine feine Unterschied. Manche sagen Mode dazu: Strampler mit Blümchenaufdruck ja oder nein; rosa, blau oder klassisch grün; welche Form hat das Mützchen; braucht der Strampler wirklich unbedingt ein Schleifchen? Zumindest in dieser Phase kann man den Betreffenden etwaige Geschmacksverwirrungen nicht vorwerfen. Trotzdem stellt sich bereits in diesem Stadium die erste Frage zum Thema Mode: Werden aus Säuglingen, die nach der Geburt in Strampelhosen von Oilily um 300 Mark gesteckt werden - bessere Menschen? Klügere Menschen? Schönere Menschen? Oder zumindest: geschmackvollere Menschen?

Mode: Viele Dinge sind erforscht, vieles ist beantwortet. Experten wissen, warum sich die Mode über die Jahrzehnte wie entwickelt hat, vom Mini- zum Ballon- und wieder zum Minirock. Sie wissen, worin sich Menschen hüllen, um ihre soziale Herkunft zu unterstreichen oder zu verleugnen. Und es ist auch erforscht, wie und vor allem warum sich braune Schuhe nach 18 Uhr auf den Magen schlagen.

Eines ist aber nach wie vor schwer zu beantworten: Wie lernt der Mensch Geschmack? Wie greift er zielsicher und ohne Hilfestellung zum richtigen Teil? Und wann setzt das ein?

Die einfachsten Tipps & Tricks zum Thema guter Geschmack sind relativ klar: Spätestens in der Schule gibt es einen Gruppendruck, der mitreißt. Egal ob Grunge, Skater, oder wie die Jugendkulturen alle heißen mögen (vgl. Dietrichsen, Tagesspiegel vom Sonnabend, Anm.) - die Schüler beeinflussen sich gegenseitig. Das war schon immer so: Damals in den Achtzigern etwa, als eine/r anfing, Löcher in die Jeans zu schneiden, die so aussehen mussten als wären sie ganz von selbst dort entstanden. Ein paar Tage später sah die ganze Klasse aus wie nach einem ganz argen Mottenüberfall. Heute merkt man jeden Sonnabend Nachmittag in und vor den Umkleidekabinen jedes besseren H&Ms, wie sie sich gegenseitig beeinflußen: Cliquenshopping heißt das. Für manche anderen Einkäufer auch: In Deckung und die Ohren anlegen.

Die geschmackliche Entwicklung ist nicht einmal durch Schuluniformen zu bremsen, die die Jugendlichen zum Gleichheitsprinzip erziehen sollen. Erstens gibt es zum Beispiel im Mutterland der Uniform, in England, die modische Hackordnung zwar nicht in den Klassen, sondern zwischen den Schulen. Zweitens wird selbst in den Klassen am Detail der kleine feine Unterschied herausgearbeitet: An den Accessoires, den Frisuren, dem Schuhwerk. Und drittens haben auch britische Zöglinge irgendwann einmal frei oder Ausgang. Dann staut es sich nicht nur in den Pubs, sondern auch vor den Umkleidekabinen von H&M so, als würden Prinz William und die Spice Girls gemeinsam drinnen Autogramme geben.

Später ist die Sache mit dem Geschmack auch relativ einfach. Tonnenweise Modemagazine, tonnenweise Anzeigen. Filme, in denen coole Menschen coole Sachen tragen. Manchmal reicht sogar das Fernsehen, um einen Trend auszulösen. (Danke, Container-Alex, dafür, dass Du die Dalai-Lama-Bändchen vom Insidertipp zum Massenphänomen gemacht hast).

Kollegen, die aus irgendwelchen schicken Städteurlauben in modischeren Landstrichen anschauliche Teile mitgebracht haben, die man dann in seiner Umgebung verzweifelt sucht. Zu beneiden auch: Menschen mit schwulen Freunden. Denn irgendwie, keine Ahnung warum, haben die den neuesten modischen Schnickschnack immer einen Tick früher.

Eine Frage wird aber dadurch noch längst nicht beantwortet: Wie kommt es, dass sich jemand für Mode interessiert? Oder, anders herum: Warum laufen immer noch Gestalten durch die Straßen, die eigentlich von jedem aufrechten Uniformierten zu einer Ordnungsstrafe genötigt werden könnten. Frühkindliche Prägung? Machen die Strampelhosen um 300 Mark vielleicht doch Sinn?

Es soll ja Eltern geben, die sich über das Outfit ihrer Kinder Gedanken machen, und das hat nicht nur mit Sauberkeit zu tun. Manche stecken ihre Kinder gerne in die allerneuesten Designer-Fummel, da dreht es sich ums Sozialprestige, aber dazu später.

Andere wiederum schicken ihren Nachwuchs gerne mit Oma und Opa auf Einkaufstour. Das schont erstens das eigene Haushaltsbudget, und sorgt zweitens dafür, dass die Kinder immer mit praktischen und funktionellen Kleidungsstücken nach Hause kommen. Wenn diese Erziehung greift, kaufen die Betroffenen später selbst ständig Combathosen mit ganz vielen praktischen Taschen und haben ein Faible für Rucksäcke - nämlich auch dann, wenn das schon längst kein Trend mehr ist.

Die dritte Gruppe steckt ihre Kinder gerne in die Klamotten der älteren Geschwister. Pädagogisch eine gefährliche Sache. Wenn die älteren Geschwister sehr viel älter sind, wird der Typ in der letzten Reihe mit den viel zu großen Schuhen und den aufgekrempelten Cordhosen gerne einmal zum Außenseiter. Das kann den Charakter stärken - muss aber nicht.

Zurück zum Sozialprestige, zurück zu Designerklamotten.

Gucci verkauft neuerdings Schuhe für Kleinkinder. Die sind so schweineteuer, dass man sich nicht einmal traut, den Preis nieder zu schreiben. In Berlin gibt es einen Laden für Babybekleidung, da muss man anläuten, um reinzukommen. Wer die Gesichts- und Geschmackskontrolle der Verkäuferin übersteht, wird auch nicht beim Blick auf die Preisschilder in Ohnmacht fallen. Und das hätten sie in diesem Laden nicht so gerne. Donna Karan schneidert für Kinder, Dolce & Gabbana ebenso. Jeansjacken für Kleinkinder um 250 Mark von Oilily sind da fast schon ein Geschenk.

Aber ist das alles eine Geschmacksgarantie?

Sozialpädagogisch ist das in jedem Fall ein fragwürdiger Erfolg.

Die zwölfjährige Marie-Luise ist so ein Fall. Ihre ersten italienischen Worte konnte sie aussprechen, lange bevor sie ihren ersten Schultag hatte. "Romeo Gigli" kam flüssiger aus ihrem Mund als die Eissorten von Eskimo (Langnese, Anm.). Heute würde sie nie ein T-Shirt anziehen, das nicht mindestens 100 Mark gekostet hat. Ihre Freundinnen, mit denen sie in Wien ins Gymnasium geht, ticken ebenso.

Um H&M machen sie und ihre Freundinnen einen großen Bogen, das hat mit Label-Kult zu tun. Sie finden, dass sie gut angezogen sind, und sie machen sich darüber auch recht viele Gedanken. Und das mit zwölf. Die angesagten Marken wechseln so schnell, dass nicht nur die Großmutter zu Weihnachten gerne einmal das Falsche schenkt.

Aber hat der anerzogene Markenwahn etwas mit Geschmack zu tun? Kann ich beim besten Willen nicht sagen, denn die Göre ist meine Schwester.

Der Autor wurde in frühen Jahren oft für ein Mädchen gehalten, so blumig bunt war sein Oilily-Outfit. Heute kombiniert er am liebsten ungebügelte Polo-Shirts mit Jeans, weil man da nichts falsch machen kann. Oder einfärbige Hugo-Anzüge mit zurückhaltenden Krawatten, weil das sehr solide kommt. Wenn er verwegen ist, greift er zum T-Shirt mit provokantem Aufdruck. Modetipps holt er sich von den schwulen Nachbarn.

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