Berlin : Mode in Berlin: Mit schickem Anzug ins Nachtleben

Clemens Wergin

Als der Herrenanzug den eitlen Pfauentand der absolutistischen Höfe ablöste, sollte er vor allem eines sein: nüchtern und praktisch. Die Uniform war das Vorbild, und so war es kein Wunder, dass sich der Herrenanzug bald zur bürgerlichen Uniform entwickelte. Doch sein 150-jähriger Siegeszug in der Geschäftswelt ist gestoppt. Seit Jeans und T-Shirt zur neuen Uniform der Software-Entwickler wurde, ist der Anzug zumindest bei Internet-Startups und Medienunternehmen immer seltener geworden. Mann fühlt sich im Dreiteiler overdressed - der aber anderswo weiter das Maß aller Dinge ist. Die frohe Botschaft lautet: All die smarten New-Economy-Stars fühlen, dass irgend etwas fehlt. Der Anzug feiert ein Come-Back - als Ausgehkleidung. Denn wer tagsüber in Jeans und T-Shirt an neuen Webseiten bastelt, braucht abends den Kontrast. Und zieht sich deswegen auch schon mal ausgesuchter an, als dies dem Szene-Dress entsprechen würde. Für den Herrenanzug hat das nur positive Auswirkungen. Denn natürlich gibt sich ein hipper Twen nicht mit der gähnenden Langeweile der dunklen Anthrazit- und Blautöne zufrieden, die dafür sorgten, dass Männerkleidung jahrzehntelang als Schlaftablette wirkte.

Weil der Mann als verspieltes Wesen vor allem an Zahlen - möglichst exakten - Gefallen findet, lassen sich auch saisonale Veränderungen in Sachen Anzug in Zahlen ausdrücken. Vier ist megaout, drei ist in, aber auch zwei, und ganz gewagt, nur einer, kleiden den modernen Mann. Die Rede ist von Knöpfen - am Jacket. So weit ist man sich einig.

Dann beginnen aber die Unterschiede. Für Freaks gilt, wie Karin Warburg, Designerin bei Respectmen in der Neuen Schönhauser sagt: immer noch sehr eng. Besonders die Hosen behalten ihre Röhrenform. Einen Trend, den mancher schon angezählt hatte, der aber im Herbst und Winter noch einmal mit Macht zurückkommt. Auch Kai Angladegies von Tools & Gallery direkt nebenan, bestätigt dies: Der anspruchsvolle Herrenanzug zum täglichen Gebrauch sei "super eng, sehr auf Figur geschnitten und körperbetont". So haben seine Givenchy-Anzüge hinten zwei Schlitze, die sich beim Tragen öffnen und so dem Körper folgen. Wie bei der legeren Mode gibt es auch hier eine Rückkehr zu traditionellen Stoffen, die aber sehr jung und modern geschnitten werden. Tweed und Cord kultivieren eine altenglisch-antiquierte Mode. Warburg gibt aber Entwarnung für so genannte "Normalos": Hier darf es auch ein gerader und weiter Schnitt sein. Die Hemden bleiben allerdings eng, auf den Körper geschnitten. Doch die großen, flächigen Kragen gehören der Vergangenheit an.

Bei den Farben gibt es zwei Richtungen. Einmal die dunklen Grün- und Naturtöne. Es geht es aber auch glamoureuser: Aubergin, lila und viele kräftige Blautöne lösen die Grau-in-grau-Orgien des letzten Winters ab. Technische Stoffe werden nur noch im Mix mit Naturfasern verwendet, allein bei den Jacken dürfen sie noch ein wenig länger verweilen. Auch im Business-Bereich ist aber ein "gemäßigter Collegestil" zu beobachten Zu erkennen an Pollundern und schmalen Pullis. Ein überraschendes Comeback feiert der Mantel. Weswegen Karin Warburg auch auf einen harten Winter hofft: "Sonst kann man die Dinger nämlich kaum verkaufen."

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben