Berlin : Mode ist tanzbar - die Diplomarbeit von Simone Pätzold

Susanna Nieder

Im Haus von Simone Pätzold ist die Treppenhausbeleuchtung defekt. Es ist so dunkel, dass man die Hand nicht vor den Augen sieht. Im Schneckentempo tasten wir uns in den vierten Stock hinauf, der verregnete Nachthimmel zeichnet sich kaum hinter den Gangfenstern ab. Aber auch mit Treppenlicht hätte man nie mit der Farbexplosion gerechnet, die in einer umfunktionierten Küche in diesem abgeblätterten Prenzlauer Berger Altbau stattfindet. Feuerfarben! Warmes Rot (ins Gelbe gehend), kaltes Rot (mit Blauanteilen), Gelb, Orange, Kupferfarben. Braunrot, von gelbstichigem Grün in Rot verwandelt. Eine Schneiderpuppe trägt einen langen Mantel, leuchtendrot, aus dessen Kragen und Revers rotorange Wollflammen züngeln. In der Ecke thront eine Jacke, gerade und streng geschnitten wie die klassische Jeansjacke, aus orangefarbener, durchsichtiger Folie, in deren Ärmel und Schultern ein breiter Streifen filzbesetzter Seidenorganza eingenäht ist. Am Regal hängt ein bodenlanger Einteiler aus Crashsamt, dessen strukturierte Oberfläche bläuliche Schatten wirft.

Ohne Umschweife beginnen wir, Kleider von Bügeln zu ziehen, hochzuhalten, in Kombination mit anderen auszuprobieren. Simone Pätzold, klein, schmal, in schwarzem langem Rock und Pulli, steht inmitten der Pracht wie eine Dompteuse. Was sie hier vorführt, ist ihre Diplomarbeit, mit der sie gerade ihr Modedesignstudium an der Kunsthochschule Weißensee bei Rolf Rautenberg abschließt. Schon bei der Jahresabschlusspräsentation der Weißenseer Studenten im Juli fiel auf, wie vielseitig dort gearbeitet wird.

Simone Pätzold hat Modelle aus selbst angefertigtem Strick in ihrer Kollektion. Sie hat dicken Filz, zusammengesteppt zu einem Kleidungsstück, das erst am Körper als Herrengehrock zu erkennen ist. Sie hat mattkupferfarbene Kunststofffolie, von ihr selbst mit hellerer Kupferfarbe bedruckt. Und ein Geflecht aus hauchdünnem Kupferdraht, von Hand gestaltet und zum Oberteil mit angedeuteter Taille geformt. Nicht zu vergessen die Seidenorganza, auf die sie mit Seifenlauge Rohwolle aufgefilzt hat zu kreisförmigen Mustern und Blumendolden wie aus einem Bild von Emil Nolde.

Wenn Rot ein Thema dieser Kollektion ist, dann ist Vielfalt ein anderes. So verschiedenartig wie Materialien und Oberflächengestaltung sind auch die Stilvariationen. Dabei kann eine einzige Linienführung sehr unterschiedliche Resultate erzeugen: Der Crashsamt-Einteiler, der flammenumzüngelte Wollmantel, der Herrengehrock aus dickem Filz und ein eleganter Damenmantel aus Kupferfolie basieren auf einem Schnitt. Historische und moderne Elemente mischen sich. Man spürt die eigene Auffassung, die das Ganze zusammenhält. Modenschauen findet Pätzold langweilig. Deshalb hat sie zusammen mit Undine Filter und Katharina Henker (Studentinnen der Theaterwissenschaft an der Humboldt Universität), dem Musiker Ulf Riedel, dem Lichtdesigner Frank Possekel und Laienmodels unter dem Titel "REDunDANCE" eine Performance erarbeitet. Der Kollektion nach zu urteilen müsste das Ergebnis sehenswert sein.Am 2. September um 19.30 Uhr in der Studiobühne der HU, Sophienstraße 22a (Mitte)

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