Modemessen : Berlin zieht an

Die Stadt wird nächste Woche Treffpunkt für die Modebranche: sieben Messen, 1000 Kollektionen – nie war die Erwartung größer. Bis zu 100.000 Fachbesucher werden erwartet.

Grit Thönnissen
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Hinter den Kulissen der Fashionweek. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

BerlinSo viel Mode war nie. Die nächste Woche wird für die Branche ein Experiment: Wie viel Mode kann man in vier Tagen anschauen, ohne all die Hosen, Röcke und Kleider durcheinanderzubringen? Mehr als 1000 Kollektionen werden auf sieben Messen, drei weiteren großen und diversen kleineren Veranstaltungen gezeigt, in mehr als einem Dutzend Showrooms, auf fast 40 Modeschauen. Dazu kommen unzählige Einladungen zu Abendessen, Cocktailempfängen, Konzerten, Liveacts in Clubs und Bars. Gleich drei deutsche Topmodels werden über Berlins Laufstege laufen: Julia Stegner als offizielles Gesicht der Mercedes-Benz-FashionWeek, Shootingstar und Calvin-KleinModel Toni Garn und die Kielerin Kathrin Thormann, gerade erst auf dem Titel der italienischen Vogue zu sehen.

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Fast kein deutscher Einkäufer kann es sich leisten, nicht nach Berlin zu kommen, und auch aus dem Ausland haben sich viele Besucher angekündigt. Bis zu 100 000 Fachbesucher werden erwartet, und nicht nur die Taxifahrer freuen sich schon auf eine zahlungskräftige und vor allem -willige Kundschaft: Es gibt kaum ein Hotel, das nicht ausgebucht ist. Bernhard Kieker, Chef der Berlin Tourismus Marketing GmbH, rechnet bis Ende der nächsten Woche mit zusätzlichen zehn Millionen Euro Umsatz für die Stadt. „Das ist ein echtes Konjunkturpaket.“

Mit der Bread & Butter, die sich auf Jeans-, Street- und Sportswear konzentrieren wird, ist das Spektrum noch einmal größer geworden. Die Premium zeigt auf 22 000 Quadratmetern 900 Kollektionen – von kleinen und innovativen Marken wie ADD, Patrick Mohr, Lotte Voss und 0941 bis zu modernen Designlabels wie Filippa K., Hope, Missoni oder Day Birger et Mikkelsen. Auf der Mercedes-Benz-Fashion-Week werden rund die Hälfte der 40 Modeschauen von Berliner Designern bestritten. Die Erwartung ist groß: Berlin muss ein Erfolg werden. Dass eine einst erfolgreiche, jetzt von Insolvenz bedrohte Marke wie Escada ausgerechnet die Pleitestadt Berlin nutzt, dass internationale Marken wie Custo Barcelona und das italienische Jeanslabel Guru hier auf dem deutschen Markt starten, sagt schon einiges über den neuen Status der Stadt aus. Der wird plötzlich nicht mehr in Frage gestellt, wie in den letzten Saisons, sondern eifrig beschworen.

Auf einer Rangliste der internationalen Modeereignisse, an der sich das Magazin „Stern“ versuchte, schafft Berlin es immerhin auf Platz 9 zwischen Moskau und Rio de Janeiro. Und sogar Suzy Menkes, eine der wichtigsten Modejournalistinnen der Welt, die vor einem Jahr noch nicht einmal zugeben wollte, von der Existenz der Berliner Modewoche zu wissen, wird diesmal in der ersten Reihe sitzen und sich die Kollektionen Berliner Designer anschauen.

 Mit hohen Erwartungen ganz vorn dabei ist die Fachpresse. Noch vor einem Jahr waren die Kommentare im Branchenblatt „Textilwirtschaft“ gespickt mit Fragezeichen und der Angst, sich mit einem Bekenntnis zur Stadt lächerlich zu machen. Jetzt wird der Standort ernst genommen; mehr noch: in der Krise soll Berlin gar als Hoffungsträger für die ganze Branche herhalten. Nicht nur auf den Messen und den Laufstegen wollen sich die Fachbesucher auf die Suche nach Inspirationen begeben. In der kommenden Woche dürfte es voll werden in Mitte und die Umsätze steigen. Viele Einkäufer und Ladenbesitzer freuen sich besonders auf einen Einkaufsbummel, etwa rund um den Hackeschen Markt. Deshalb dekorieren einige Ladenbesitzer extra für die nächsten Tage um, räumen die reduzierte Sommerware ins Lager und zeigen, was sie für den nächsten Herbst geordert haben.

„Wir wollen zeigen, wie perfekt es mit der frühen Auslieferung der Ware klappt“, sagt etwa Dirk Jakoby, Inhaber der Drykorn- und Cinqueläden in der Neuen Schönhauser Straße und Rochstraße. Auch viele Berliner Designer wandeln ihre Geschäfte für das erwartete Fachpublikum für vier Tage in Showrooms um, wo man nicht aktuelle Kollektionen kaufen, sondern die für den nächsten Sommer anschauen kann.

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