Moderne Migrantinnen : ''Männern fehlt der Mut für starke Frauen''

Warum heiraten viele junge Muslime "Importbräute"? Was moderne Migrantinnen dazu zu sagen haben.

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Steht ihre Frau. Mahassen Ibrahim jobbte auch als Schuhverkäuferin. Ein Zukünftiger müsse akzeptieren, wie sie sei. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mahassen Ibrahim, 21, Studentin: „Mein Gefühl ist, unsere Männer machen gerade das durch, was die Deutschen in den 20er Jahren erlebt haben, als sich die Frauen emanzipierten. Meine Erfahrung ist erstaunlicherweise, dass religiöse Männer eher positiv beeindruckt sind von selbstständigen Frauen als die sogenannten Kultur-Muslime, die sich nur an den Glauben krallen, weil sie sonst keinen Halt haben. Mich haben meine Eltern in meiner Selbstständigkeit gestärkt, und sogar meine Brüder, auch wenn das komisch klingt. Aber mein Cousin hat einen ,Import‘ geheiratet, die Ehe wurde nach zwei Monaten geschieden, das passte einfach nicht. Männern fehlt oft Selbstbewusstsein für starke Frauen. Der wahre Grund für die Ehe mit einfach gestrickten Frauen ist der Fakt, dass Männer, unabhängig von ihrer Kultur, faul sind – lebensfaul, die wenigsten haben Lust auf ein spannendes, aber auch konfliktgeballtes Eheleben. Der Grund kann auch bei den superemanzipierten Frauen liegen. Es ist jedenfalls wirklich keine leichte Sache mit dem Emanzipiertsein. Manchmal sehne sogar ich mich nach einem Familienleben, was ich mir einfacher vorstelle. Aber das ist meist ein Resultat aus dem stressigen Unileben und der Eigenverantwortung, die ich mit meiner ersten eigenen Wohnung habe. Meine Eltern stammen aus dem Libanon, ich wuchs in Neukölln auf, habe an der Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule mein Abi mit 2,0 gemacht und bin fürs Studium nach Hamburg in die Selbstständigkeit gezogen.“

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D. Ince -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Duygu Ince, 19, Abiturientin und Rapperin: „Also, dazu fällt mir jede Menge ein. Es gibt Mädchen, die sind in Berlin aufgewachsen, tragen Kopftuch und haben mit 18 geheiratet. Sie durften schon vorher nicht auf Klassenfahrten mit, weil die Eltern das nicht wollten – und jetzt müssen sie für alles ihren Mann fragen, der das natürlich auch verbietet. Egal, ob die Mädchen in der Türkei oder in Berlin aufgewachsen sind: Viele von ihnen sind eingeschüchtert. Wenn sie ihr Ding durchziehen würden, würde die Familie sie verstoßen, deswegen machen sie es nicht. Ich bin als Scheidungskind von meiner Mutter anders erzogen. Ich musste früh selbstständig sein und sehe das gar nicht ein, warum Jungs alles dürfen sollen und wir nicht. Ich mache gerade mein Abi am Albrecht-Dürer-Gymnasium in Neukölln, ich arbeite in einem Fitnesscenter am Counter, und ich rappe bei den ,Too Funk Sistaz‘. ,Jungs labern, female MCs wären alle Mannsweiber‘ rappe ich da: Hip-Hop ist kein Männerjob. Ich mache öfter Texte, wo ich Jungs angreife. Die sagen nämlich gerne, sie wollen eine selbstbewusste Freundin, aber letztlich fehlt ihnen doch der Mut. Aber wenn die Männer jede Nacht im Café sitzen und die Frauen zu Hause putzen, wo ist denn da die Gleichberechtigung? Einer, der so ist, kommt mir nicht ins Haus. Leider sind die meisten so. Bei vielen Mädchen verbieten die Cousins, dass sie einen Freund haben dürfen. Meine Mutter sagt immer, Duygu hat es schwer, einen Freund zu finden, so wie sie denkt und lebt. Aber ich werde mich nicht ändern. Ich hatte gerade einen Freund, er ist Kurde, er tanzt, und ich dachte erst, er würde meinen Lebensstil akzeptieren. Aber jetzt sollte ich ihm doch bei jeder Bewegung mitteilen, wo ich bin, und wir sind im Streit auseinandergegangen.“

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Nuran Beyazgül -Kai-Uwe Heinrich

Nuran Beyazgül, 44, Erzieherin und Sozialmanagerin: „Ich kenne einige sogenannte Importbräute, und mich ärgert dieser Begriff sehr. Er impliziert, dass sie alle ahnungslos und ungebildet seien, das stimmt aber nicht. Viele der Frauen haben einen hohen Bildungsabschluss, leider werden die Diplome hier nicht anerkannt. Außerdem wird jede zweite sogenannte Importehe geschieden – und das geht oft von den Frauen aus. Viele haben sich etwas anderes vorgestellt und sind dann enttäuscht von ihrem Mann, und von der Ablehnung durch die deutsche Gesellschaft, auf die sie sich so gefreut haben. Ich habe selbst mit 16 Jahren geheiratet, meine Eltern fanden das gar nicht gut, aber die Ehe hat 23 Jahre gehalten. Die junge Generation hat aber oft die Tendenz zu traditionellen Rollenmustern. Die jungen Männer sind auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, auch sie stecken in dieser Gesellschaft zwischen zwei Welten. Einerseits wollen sie eine Frau, die sich in die traditionelle Rolle fügt. Andererseits wünschen sie sich eine selbstbewusste Frau, um selbst möglichst wenig Verantwortung übernehmen zu müssen. Wie Männer halt so sind: Sie wollen, aber können nicht, oder können, wollen aber nicht. Ich fühle mich als waschechte Türkin – Deutsche sagen aber oft zu mir, du bist ja gar keine Türkin mehr. Das hat mit deren Vorurteilen zu tun, Deutsche können sich offenbar keine selbstständigen Türkinnen vorstellen.“

Aufgezeichnet von Annette Kögel

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