Berlin : Mörder arbeitete in der Schule

Empörte Eltern, überraschte Behörden: Ein Häftling wurde im Internat Scharfenberg beschäftigt

Jörn Hasselmann

Ein verurteilter Mörder hat als Freigänger im Internat Scharfenberg gearbeitet, ohne dass dies der Schulleitung oder den Eltern bekannt war. Die Berliner Schulverwaltung bestritt zunächst sogar, dass überhaupt ein Mörder als Freigänger in einer Schule arbeitet. Dafür würden nur Gefängnisinsassen eingesetzt, „die zum Beispiel eine Geldbuße nicht bezahlt haben“, sagte der Sprecher der Verwaltung, Thomas John. Vom Einsatz von Mördern könne „keine Rede sein“.

Sven Sch. aus der JVA Tegel aber ist tatsächlich wegen Mordes verurteilt – und war nach Informationen des Tagesspiegels bereits zwei Mal in der Schulfarm Scharfenberg eingesetzt. Doch am Donnerstagmorgen verschwand Sven Sch. bei dem unbewachten Ausgang, wie berichtet, bis er am Abend freiwillig ins Gefängnis zurückkehrte.

Empört reagierten Eltern auf die Beschäftigung eines verurteilten Mörders in der Schule. „Ich koche vor Wut“, sagte ein Vater, der einen Sohn in dem Internat hat – Schüler wie Häftlinge könnten sich schließlich frei auf der kleinen Insel im Tegeler See bewegen. Schulleiter Burkhard Ost bestätigte, dass Kontakte zwischen Häftlingen und Schülern möglich seien, und dass weder Eltern noch Schüler über die Arbeitseinsätze der Freigänger informiert gewesen seien.

Der 43-jährige Sven Sch. hatte im Juni 1991 in Friedrichhain die 46-jährige Christel Schulz in ihrer Wohnung von hinten erschlagen und 100 Mark und eine Scheckkarte geraubt. Zuvor hatte er mit zwei Freunden in einer Kneipe gezecht und dort die Frau kennen gelernt, später ging man gemeinsam in ihre Wohnung. Nur wegen mildernder Umstände – Sch. war stark betrunken – wurde er nicht zu lebenslanger Haft, sondern nur zu 12 Jahren verurteilt.

Vor einem halben Jahr hatte die JVA Heiligensee die Schule gebeten, dort Freigänger beschäftigen zu dürfen. Schulleiter Burkhard Ost sagte zu, seitdem fegen beinahe täglich Strafgefangene auf der Insel Laub oder streichen Klassenzimmer. „Wir hatten noch nie Ärger mit denen“, betont Ost. Die Namen oder Vorstrafen der Freigänger seien ihm nicht bekannt; er habe angenommen, dass „das keine gemeingefährlichen Leute sind“, sagte Ost. Überwacht werde der Einsatz vom Hausmeister der Schule.

Wenn ein Häftling irgendwie auffalle, rufe der Hausmeister in Heiligensee an, dann werde der Mann „sofort abgeholt“, hieß es weiter. „Für uns ist das eine willkommene und kostenlose Hilfe“, sagte der Schulleiter – und sie diene zudem der Resozialisierung der Männer. Deshalb seien Eltern und Schüler auch nicht darüber informiert worden, dass Freigänger aus Gefängnissen eingesetzt werden. Doch Ost nahm an, dass die bei ihm eingesetzten Häftlinge Freigänger aus dem offenen Vollzug in Heiligensee sind. Nur einmal habe das Bezirksamt Häftlinge aus Tegel auf der Insel geschickt – damals allerdings mit Bewachung. Arbeitseinsätze von Häftlingen seien Sache des Bezirks, sagte Schulverwaltungssprecher John. „Damit haben wir nichts zu tun.“ Reinickendorfs Schulstadtrat Uwe Ewers erfuhr erst vom Tagesspiegel davon. „Das ist ja eine dolle Geschichte.“

Die Justizverwaltung bestätigte, dass Sven Sch. ohne Bewachung bei dem Arbeitseinsatz war; diese Lockerung am Ende der Haftzeit sei normal, sagte der stellvertretende Leiter der JVA Tegel, Ralph Adam. Sch.wird am 25. Januar entlassen.

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