Berlin : „Möwe“ fliegt auf Sachsen-Anhalt

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SERIE (2): LÄNDERVERTRETUNGEN IN BERLIN

Die Sachsen-Anhaltiner stehen in dem Ruf, ihr Land in der Hauptstadt mit am besten zu präsentieren – sagen die sächsischen Anhaltiner. Staatssekretär Werner Ballhausen als Bevollmächtigter für Bundes- und Europaangelegenheiten ist Lokalpatriot und bekennt: Wir machen aus der Not eine Tugend. Die Not? Eine Landesvertretung, die, gemessen an anderen, eigentlich keine ist. Noch fehlen die Ausstellungsräume, die Hallen und Säle für Empfänge und Lustbarkeiten, mit denen andere in der Stadt Furore machen. Sachsen-Anhalt sitzt in mehreren Etagen eines rekonstruierten Hauses (neben der FDP-Zentrale) in der Reinhardtstraße, Werner Ballhausen und Dienststellenleiter Christian Sundermann müssen nur um die Ecke gehen, und schon stehen sie vor der künftigen Repräsentanz. Die neue Landesvertretung in der Luisenstraße versteckt sich zwar noch unter Bauplanen, aber – nach vielem Hin und Her, bis zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss über den viel zu teuren Preis des einst sehr repräsentativen Gebäudes – soll sie in etwa einem Jahr bezogen werden. Die Rede ist vom Bülowschen Palais, das einst den Künstlerklub „Die Möwe“ beherbergte. „Wir sind die dem Bundestag am nächsten gelegene Vertretung, wenn Berlin seine 5,8 Millionen Mark teure „Botschaft“ neben dem ARD-Hauptstadtstudio wieder aufgegeben hat“, sagt Werner Ballhausen. Und wenn man schon einmal die Chance hat, ein Gebäude mit solch einer Tradition wie die Möwe mit neuem Leben und Geist zu füllen, dann sollte man den n, die Historie und den Ruf nutzen und nicht an den Rand drängen. Peter Sodann, der hallesche Theaterintendant und Fernsehkommissar, erinnert sich noch lebhaft an die freilich lange zurückliegende Blütezeit des nach Anton Tschechows Stück benannten Künstlerclubs: „Mensch, da habe ich zu Fressen gekriegt“.

Die Russen der Nachkriegszeit sorgten sich mit Sonderrationen ein wenig um das körperliche Wohl der deutschen Künstler, dort traf sich ein mimischer Debattierklub, und der junge Peter Sodann wurde von Helene Weigel fürs Berliner Ensemble entdeckt. Der Ruf der Möwe war damals groß, selbst viel später, als in jeder x-beliebigen Theaterkantine mehr disputiert wurde als im plüschigen Ambiente der Luisenstraße, gab es wenigstens ein passables Restaurant und eine vorzügliche Theaterbibliothek. Nun wird alles ganz anders, das Innere, ein Anbau und der für Feste bestens geeignete, aber aus Kostengründen leider nicht glasüberdachte Hof. „Wir wollen ein offenes Haus und freuen uns auf jeden Besucher – das eiserne Gittertor in der Mitte des Palais soll immer offen stehen und kein Pförtner die Leute hindern, sich hier Lust auf unser Land mit seiner großen, für Deutschland so wichtigen Geschichte zu holen“, verspricht Christian Sundermann. Und anders wird auch der neue Status des Staatssekretärs Ballhausen: Das Wahlergebnis von Sachsen-Anhalt beendet die achtjährige Tätigkeit des 54-jährigen als Bevollmächtigter. „Wenn die neue Koalition in Magdeburg ihr Amt antritt, dann ist meine Zeit hier beendet. Aber alles ist auf einem guten Weg“, sagt der scheidende „Botschafter“.

Und wie war das nun mit der Tugend, die seit Jahren aus der Not eines unbenutzbaren und unansehnlichen Palais entstanden ist? Die Magdeburger suchten „Spielorte“ für ihre Veranstaltungen und fanden so, zum Beispiel, Clärchens Ballhaus, um, im Kolorit der Zeit, auf die Kurt-Weill-Festtage in Dessau aufmerksam zu machen. Mit dem Kabarett „Die Kibitzensteiner“ gastierten die Sachsen-Anhaltiner im Restaurant „Ständige Vertretung“, das Konzert „Hear Händel“ war in der Britischen Botschaft zu hören, und an das 200. Jubiläum des Goethe-Theaters von Bad Lauchstädt wurde mit einer Aufführung von „Lotte mit Goethe“ im Theater im Palais erinnert. Kurzum: „Die Vielfalt unserer Kulturlandschaft und ihre Bedeutung für Deutschland ist das wichtigste Pfund, mit dem Sachsen-Anhalt wuchern kann“.

Die Berliner sollten entdecken oder wiederentdecken, was da vor ihrer Haustür liegt: Die Händelfestspiele und ihr grandioser Abschluss mit der schmetternden Feuerwerksmusik in der halleschen Galgenbergschlucht, die Luther-Gedenkstätten, das feine Quedlinburg, das bunte Wernigerode, Bachs Köthen, Tangermündes Fachwerkkunst mit dem Storchennest auf dem berühmten Rathaus und Stendals Backsteingotik – es gibt viel zu tun und zu gestalten, wenn dann die „Möwe“ endlich wieder fliegt. Damit nie wieder jemand, wie letztens, bei „Wörlitz“ in aller Unschuld fragt: „Ich denke, das heißt Görlitz?“Lothar Heinke

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