Berlin : Molly Jong-Fast: Was vom Feminismus übrig bleibt

Elisabeth Binder

Molly Jong-Fast hat tatsächlich Angst vorm Fliegen. Sie ist mit dem Zug nach Berlin gekommen, um ihr erstes Buch "Ein ganz normales Mädchen" vorzustellen, das heute auf deutsch erscheint. Ihre Mutter Erica Jong wurde in den 70er Jahren zu einer Ikone des Feminismus. Weltweiten Ruhm erntete sie mit ihrem Roman "Angst vorm Fliegen", in dem die Hauptfigur um das Recht auf Selbstverwirklichung ringt.

Molly ist 22 Jahre alt, trägt eine lange rote Haarmähne und ist weder beängstigend mager noch völlig durchgeknallt, was nach der Lektüre ihres Buches fast zu befürchten gewesen wäre. Wenn man es liest, könnte man meinen, dass der Feminismus direkt an den Abgrund geführt hat. Die Protagonistin Miranda Woke kommt aus steinreichem Elternhaus. Sie und ihre Freundinnen nehmen von Kokain über Heroin bis zu Wodka und Valium alles, um ihr freies, reiches Leben auszuhalten. Wenn Jungs sie zu sehr lieben, rasten sie leicht aus. Das ist zwar, wie Molly ausdrücklich betont, nicht autobiographisch, aber die gezeichneten Figuren wirken, um es vorsichtig zu sagen, sehr gründlich recherchiert. So natürlich und gesund sie heute auftritt, entsprechende Erfahrungen gibt sie freimütig zu. Manche ihrer Freunde sind im wirklichen Leben gestorben an Drogen oder Unfällen, die auf das Leben im Rausch zurückzuführen waren.

Die mageren Frauen der Elterngeneration in Mollys Buch wollen immer noch dünner werden, damit sie attraktiv genug bleiben, um sich auch auf der Suche nach dem fünften Ehemann noch unter Millionären umtun zu können. Zyniker könnten geradezu eine Antibotschaft entdecken: War das Leben zwischen Kindern, Küche, Kirche und kotzbrockigen Machos am Ende doch depressionsfreier als die totale Selbstverwirklichung mit Geld und Freiheit ohne Ende?

Obwohl sie sich als brennende Liberale betrachtet, ist Molly überzeugt, dass viel von dem Unglück der Jungen darauf zurückzuführen ist, dass Religion weniger und weniger eine Rolle spielt. "Die Leute kommen nicht mit einem Sinn für Moral auf die Welt, man muss sie das lehren." Molly Jong hat mit 22 Jahren ihren Weg gefunden. Sie will Bücher schreiben, am liebsten Bestseller. Sie vergleicht sich nicht mit der Mutter, denn "wenn man sich mit einem Superstar vergleicht, bringt man sich um". Aber sie will ihr Bestes geben. Zu veröffentlichen, das eigene Bild in der Zeitung zu sehen, "das macht wirklich süchtig". Sie kuschelt sich in den Hotelsessel, redet wie ein ganz normales New Yorker Mädchen und arbeitet bereits an ihrem zweiten Buch, das ihr noch Schwierigkeiten bereitet, "weil der Anspruch größer wird".

Solange es noch keine Frau ins Präsidentenamt geschafft hat, solange in den Magazinen die falschen Schönheitsideale propagiert werden, will sie sich jedenfalls für die Sache der Frauen einsetzen. "Von Gleichheit kann noch keine Rede sein. Wir geben uns immer noch mit den Krumen zufrieden."

Ihr Leben, glaubt Molly Jong, sei in vieler Hinsicht einfacher gewesen als das ihrer Mutter. Aber Passivität verursacht Langeweile, und Langeweile führt oft zu Selbstzerstörung. Da sie einer Generation angehört, die von ihren Eltern nie wirklich unterdrückt wurde, wogegen sollte sie rebellieren? Sex zum Beispiel war für sie an einem gewissen Punkt so von Tabus befreit, "dass es nicht mehr sexy war".

Mit ihrer Mutter kommt sie heute prima aus, sie ist auch Freundin und Mentorin. Im Sommer pflegte Erica Jong einen Palazzo in Venedig zu mieten, und weil es so heiß war und Mom das einzige Zimmer mit Aircondition für sich beanspruchte, legte sich die kleine Molly auf den Badezimmerfußboden aus Marmor und dachte sich Geschichten aus. Am Freitag fliegt sie zurück nach New York und beruhigt die Mutter, die sich Vorwürfe macht, nicht bei ihr in Deutschland zu sein. "Unsinn", sagt Molly, "ich bin erwachsen, ich bin 22 Jahre alt."

Inzwischen kann sie einem Gefühl von Geborgenheit etwas abgewinnen. Sie liebt es, wenn im Herbst die Familie zusammenkommt, zu Thanksgiving. "Wir sind alle ziemlich verrückt, sagt sie, alles Bohemiens." Der Urgroßvater war ein russischer Maler, der nach New York emigrierte, der Großvater war Varietémusiker, die Großmutter ebenfalls Malerin. Ihr Vater (Erica Jongs dritter Mann, inzwischen ist sie mit dem vierten verheiratet) sei nicht sehr ehrgeizig, aber sehr nett, erzählt sie.

Unter Essstörungen leidet sie nicht mehr, und das Gefühl, dass es gar nicht lohnt, am Morgen aufzustehen, ist auch fort. Wenn sie Kinder haben will, wird sie Kinder haben, wenn sie heiraten will, wird sie heiraten. Sie entscheidet selbst über ihr Leben, soweit ist ihre Generation immerhin gekommen. Ihr neuer Freund ist "sehr süß", und draußen wartet bereits ein Filmteam. Wie die Mutter wird sie ihre Flugangst eines Tages überwinden.

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