Berlin : Momper erleichtert: Schuss auf Auto war kein Attentat

Frank Jansen

Der Fall bleibt mysteriös, doch von einem Attentat ist keine Rede mehr. "Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand und unter Würdigung aller Tatumstände schließt die Berliner Polizei eine gezielte, vorbereitete Schussabgabe auf die Person von Herrn Walter Momper oder das Fahrzeug seiner Frau aus", heißt es in einer gestern verbreiteten Mitteilung des Polizeipräsidenten. Außerdem wurde in den Sicherheitsbehörden die von Zeitungen geäußerte Vermutung, ein "Profikiller" habe Momper einen "Warnschuss" verpasst, als "Unsinn" bezeichnet.

Der SPD-Politiker zeigte sich erleichtert, dass der Schuss offenbar weder ihm noch seiner Familie gegolten hat. "Dennoch ist es beunruhigend, dass Leute in der Stadt mit 9-Millimeter-Pistolen herumballern", sagte Momper. "Wäre ich 30 Sekunden länger am Wagen gewesen, hätte es mich erwischt."

Die Ermittler gehen davon aus, dass entweder ein Anwohner geschossen hat oder eine Person, die sich zufällig in der Kreuzberger Fichtestraße aufhielt. So werden weiterhin Zeugen gesucht, die am vergangenen Donnerstag gegen 17 Uhr 10 "verdächtige Wahrnehmungen" gemacht haben. Die Polizei hofft vor allem, dass sich ein 50 bis 60 Jahre alter Mann meldet, der zur Tatzeit mit Momper gesprochen hatte.

Eine heiße Spur gibt es offenbar nicht, dafür aber Fortschritte bei den kriminaltechnischen Ermittlungen. Laut einem vorläufigen Gutachten des Bundeskriminalamts stammt das 9-Millimeter-Projektil, das im Audi von Anne Momper einschlug, vermutlich aus Osteuropa. Den Spezialisten fiel außerdem auf, dass an dem Geschoss die Spitze ein wenig abgeflacht ist. Doch eine Erklärung bleibt schwierig: Wurde das Projektil angefeilt? Schrammte es beim Schuss an einer Wand oder anderem festen Material entlang und landete als Querschläger in Mompers Audi? Relativ sicher ist nur, dass die Aufprallenergie des Projektils ziemlich gering war. "Das Ding ist im Wagen auf den Boden geplumpst", heißt es bei den Behörden. Demnach durchschlug das Geschoss die Seitenscheibe des Fahrzeugs, streifte den Beifahrersitz und fiel hinunter. Allerdings hätte Momper schwere Verletzungen erleiden können, wäre er vom Projektil getroffen worden.

Ein Schuss mit einer derart geringen Aufprallgeschwindigkeit kann nach Ansicht der Sicherheitsbehörden kein Anschlag sein. Hätte der unbekannte Täter den Audi ins Visier genommen, wäre selbst aus einer Distanz von 25 Metern das 9-Millimeter-Projektil nicht nur durch die Scheibe gedrungen. "Dann hätte das Geschoss mühelos das Autoblech durchschlagen", glauben die Ermittler.

Eine beachtliche Chance, den Schützen ausfindig zu machen, bietet die kriminaltechnische Analyse des 9-Millimeter-Projektils. Das Bundeskriminalamt verfügt über eine umfangreiche "Munitionssammlung" und wird demnächst sein endgültiges Gutachten im aktuellen Fall vorlegen. Über welche Möglichkeiten die Behörde verfügt, zeigte sich Anfang 2000: Nachdem in Bad Hersfeld (Hessen) ein Polizist erschossen worden war, konnte die Landespolizei mit Hilfe des BKA nach Untersuchung des Projektils Tatwaffe und Täter ermitteln - nach zwei Wochen. Die Pistole war bereits im Februar 1999 in Halle benutzt worden, allerdings von einem anderen Mann. Dennoch war mit der Identifikation der Tatwaffe von Bad Hersfeld die Suche nach dem Schützen nicht mehr allzu schwer.

Auf einen ähnlichen Erfolg hoffen die Ermittler in Berlin. Sie sind sicher, dass in der Fichtestraße eine Handfeuerwaffe benutzt wurde. Doch handelt es sich offenbar um ein Modell, dass in großer Stückzahl produziert wurde.

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