Berlin : Monarch am Ruder: Wo der König Kahn fährt

Auf einer Bootstour erzählt Friedrich II. derzeit, warum er einst „Colonisten“ nach Burg lockte.

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So kennt man den Großen Friedrich von Darstellungen: Er reitet hoch zu Ross durch sein Land oder auf das nächste Schlachtfeld, winkt weltmännisch aus einer Kutsche oder stützt sich bei einer Inspektion auf seinen Stock. Von einer Spazierfahrt in einem wackligen Spreewaldkahn findet sich kein Bild. Es ist fraglich, ob sich der Preußenkönig jemals zu solch einem Ausflug in das Labyrinth aus Flussarmen 130 Kilometer südöstlich Berlins entschlossen hätte. Über die Einhaltung seiner Befehle wachte schließlich ein ganzes Heer von Beamten. Über die historischen Details blicken Tourismuswerber in diesem Jahr großzügig hinweg. Sie verpflichteten für den Kurort Burg zwei Schauspieler und einen Flötisten, besorgten die passenden Kostüme und Texte aus der Ortsgeschichte und nun kann man dort eben mit Majestät Kahn fahren.

Das Boot in farbenfroher höfischer Begleitung fällt durchaus auf. Touristen fotografieren oder begleiten den Kahn ein Stück zu Fuß oder auf dem Rad entlang des Uferwegs, um etwas von den im Kahn vorgertragenen Geschichten über Friedrich II. und den Spreewald aufzuschnappen. „Wir sind selbst vom Interesse an dieser musikalisch-literarischen Tour überrascht“, sagt Juli Kahl, Tourismuschefin im Amt Burg. „Aber viele Menschen wollen offenbar wissen, woher die Häufung des Begriffes ‚Kolonie' bei uns kommt.“ Nun werden zusätzliche Kahnfahrt-Termine angeboten.

Tatsächlich stößt man überall auf den Begriff: Da gibt es den Ortsteil Burg-Kolonie, der bis 1960 sogar eine eigene Verwaltung besaß, die Straßennamen „Erste Kolonie“ und „Zweite Kolonie“ oder die zu den ältesten Spreewaldlokalen zählende „Kolonieschänke“. Dies gehe auf Friedrich II. zurück, erfahren die Kahntouristen aus dem mit Episoden angereicherten Vortrag. Sie lernen beispielsweise, dass sie sich gerade in einem einstigen Grenzland befinden, denn der ganze Spreewald gehörte noch vor 250 Jahren zu Sachsen, und nur das Fleckchen Burg behauptete sich als preußische Enklave.

Genau wie im Oderbruch oder im Havelland warb der König um „ausländische Kolonisten“, um sein entvölkertes Land nach den verlustreichen Kriegen wieder zu beleben. Den Siedlern aus Sachsen, Schlesien, Böhmen oder Österreich bot er mehrere Vergünstigungen an, etwa die Befreiung vom Militärdienst, die freie Nutzung von Weiden und Wäldern oder das Vererben der Grundstücke ohne Steuerabgaben. 1743 wurden schon 100 Familien gezählt, die dem sumpfigen Boden trotzten, und 1766 wurde „Burg-Kolonie“ gegründet.

Wer nach einer dieser unterhaltsamen Kahnfahrten noch mehr Details über die Burger Vergangenheit erfahren oder sich von vornherein sportlich betätigen will, kann sich für eine Radtour unter dem Titel „Colonisten für den König“ entscheiden. Sie führt auf dem sogenannten Gurkenradweg mitten durch das „Venedig im Taschenformat“, wie Theodor Fontane den Spreewald schwärmerisch beschrieb. Unterwegs stoppt die Gruppe unter anderem an einer Wiese voller Obstbäume. „1765 hatte Friedrich II. angeordnet, dass jeder Kolonist in Burg zehn Obstbäume im Jahr anpflanzen muss“, erzählt Tourleiter Sebastian Zoepp. „Sie sollten vor allem sein Lieblingsobst tragen – die Kirschen.“ Allerdings habe irgendwann auf den Grundstücken nicht nur der Platz für die Bäume gefehlt. Die massenhafte Herstellung von Marmelade stellte die Kolonisten vor ein viel größeres Problem. Nirgendwo gab es preiswerten Zucker, während der Honig viel zu kostbar zum Kochen war.

Spätestens nach dem Tod des Königs 1786 kümmerte sich niemand mehr um die „Obstbaum-Order“. Auf den Flächen wuchsen danach vor allem jene Pflänzchen, die den Spreewald neben der Natur auch heute noch so liebenswert machen: Gurken, Meerrettich, Mohrrüben und Kürbisse. Später vervollständigten Erdbeeren und Spargel das Angebot.

Weitere Informationen zu den Angeboten im Kahn und auf dem Rad unter www.burg-spreewald-tourismus.de

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