Berlin : Moneten machen mit dem Mitleid

Bettler bevölkern die Stadt. Sie tragen Behinderungen oder schwere Schicksale zur Schau

Christian van Lessen

Sie kommen, beispielsweise am Hermannplatz, bis an die Wohnungstür im vierten Stock und klingeln. Sie bevölkern Einkaufszonen wie Kurfürstendamm, Tauentzien- oder Schlossstraße, oder sie stehen an Straßenkreuzungen wie in Zehlendorf Mitte, klopfen an die Scheiben der Autos und fordern Geld: Bettler – darunter viele Behinderte – erobern die Stadt. Es sind zum großen Teil Sinti und Roma aus Rumänien, die von organisierten Bettelbanden beauftragt sind. Und auch die fast schon vergessen geglaubten Abzocker wie Hütchenspieler fühlen sich wieder sicherer.

Geschäftsleute in der West-City, die sicherheitshalber ihre Namen nicht nennen wollen, bestätigen, dass auf den Bürgersteigen vor ihren Schaufenstern nicht nur mehr gebettelt wird, sondern verstärkt auch Trupps von bis zu zehn recht gut gekleideten Männern und Frauen, die Hände voller 50-Euro-Scheine, auf Kundenfang sind. Die Polizei allerdings teilte auf Nachfrage mit, sie könne diese Beobachtungen bisher nicht bestätigen.

Kurfürstendamm, Breitscheidplatz und die Tauentzienstraße gehören zu den zuverlässigen Bettel-Seismographen. Neben der üblichen Schnorrerei von Punks und Obachlosen rund um den Bahnhof Zoo fallen hier immer mehr Amputierte auf, die um Geld betteln, die mit bloßen Gliederstümpfen und auf Rollgestellen Mitleid erregen. Es sind oft Kinder und Jugendliche oder auch sehr junge Erwachsene aus Osteuropa.

Bettelkinder werden meist aus sicherer Entfernung von Familienangehörigen beobachtet. Wären die Kinder ganz allein, könnte sie der Kindernotdienst aufgreifen. Die Polizei, die vor Jahren wegen bandenmäßig eingesetzter „Klaukinder“ eine Ermittlungsgruppe „Rumba“ einsetzte, ist bei Bettelei machtlos, es sei denn, die Bettler gehen aggressiv vor. „Ich habe drei Brüder, meine Mutter ist tot, bitte helfen Sie mir“ steht auf dem Pappschild, das eine junge Frau vor ihrem Bauch trägt. Sie hockt zusammengesunken an der hinteren Glaswand eines BVG-Wartehäuschens an der Ecke Uhlandstraße. Ihre Augen sind meist geschlossen, der Kopf ist bis zur Hälfte vom schmutzig-weißen Pullover verdeckt. Im Pappbecher ist ein Euro zu sehen, kaum ein Passant wirft Geld hinein. Ab und zu blinzelt die Frau. Sie beginnt mit den Schultern zu zucken, wenn sie sich beobachtet fühlt. So, als weine sie.

Wie sie heißen, woher sie kommen, sagen sie nicht. Sie deuten an, nichts zu verstehen. Nach Erkenntnissen der Polizei stehen die Bettler unter Beobachtung ihrer Organisation, die sie mit Touristen-Visa einreisen ließ. „Mein Haus hat gebrannt, mit Kindern ganz allein“, steht auf dem Pappdeckel einer anderen Frau, die sich mit einem fast völlig eingewickelten Säugling am Sonnabend vor das Wertheim-Kaufhaus am Kurfürstendamm gehockt hat. Immer wieder kommt es vor, dass sich Passanten vergeblich um ein Gespräch bemühen, andere vermuten, dass der Säugling eine Puppe ist. In diesem Fall aber bewegt sich plötzlich der Fuß des Kindes, und vor Rührung werfen die Passanten eine Münze in den Becher. Auf ihre Geldscheine warten rund 50 Meter weiter schon die Hütchenspieler.

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