Berlin : Monika Spindeldreher (Geb. 1941)

Familie ist Familie, da muss man zusammenhalten.

Anne Jelena Schulte

Ihr Mann führt durch die Wohnung: überall Betten. Schrankbetten, Wandbetten, Doppelbetten. Alle ordentlich bezogen, alle leer. Die Kinder sind raus. Sie sind raus, die neun, wenn auch nicht raus aus allen Schwierigkeiten.

Eigentlich wollte das Ehepaar Spindeldreher sich jetzt mal Zeit für sich selber nehmen. Reisen, Konzerte besuchen, Freunde treffen. Nein, Herr Spindeldreher will keinen Kaffee. Herr Spindeldreher will Monika zurück.

Schwester Monika, so hat sie sich ihm vorgestellt, damals, in dem Krankenhaus, in dem seine Mutter lag. Fast fünfzig Jahre ist das her. Nett fand er die junge Krankenschwester, die immer ein Lächeln und Zeit zum Reden mit ins Zimmer brachte.

Aber so richtig angeschaut hat er sie erst an jenem Tag, an dem der Postbote einen Liebesbrief von ihr brachte. Klein war sie, dunkelhaarig, und sie hatte ein unternehmungslustiges Leuchten in den Augen. Langweilen würde er sich mit dieser hier nicht. Er öffnete ihr die Türen seines VW-Käfers, und sie fuhren nach Italien.

Nachts, am Strand, vor einem vom Mond beschienenen Boot versprachen sie sich ewige Treue. Denn ebenso groß wie ihre Abenteuerlust war Monikas Sehnsucht nach Geborgenheit. Ihre Eltern hatten sich früh scheiden lassen, wohl auch, weil der Vater das Wort „Halbjüdin“, das seit Neuestem an seiner Frau haftete, als Makel empfand. Die Mutter ging daraufhin in die Schweiz. Dort gründete sie eine neue Familie, Monika aber sollte beim Vater bleiben, „aus wirtschaftlichen Gründen“. Auch der Vater heiratete wieder. „Tante“ hieß die neue Frau, so jedenfalls wurde sie Monika vorgestellt. Und Monika schob Vaters und Tantes Zwillinge durchs zerbombte Berlin, dachte an ihre Mutter und an die Schweiz, reiste als Jugendliche schließlich doch dorthin, blieb zwei Jahre, reiste wieder zurück und wusste: die bruchsichere Familie, die sie sich wünschte, musste erst noch geschaffen werden.

Mit dem herzensguten, den Mondschein und Monikas Lächeln liebenden Steuersachbearbeiter namens Spindeldreher sollte das möglich sein. Auch wenn Monika aufgrund einer Bauchfelltuberkulose, die sie als Kind durchgemacht hatte, nicht schwanger werden konnte.

In einer Zeitung stieß sie auf die Anzeige einer Mutter, die dringend eine Ganztagsbetreuung für ihre Tochter suchte. Das passte gut, denn Monika arbeitete inzwischen als Nachtschwester. Wann Monika geschlafen hat? Herr Spindeldreher weiß es auch nicht.

Dann rief das Jugendamt bei ihnen an: Da sei so ein kleiner Junge, ob der nicht auch … ? Klar konnte er. Nicht sehr viel Zeit verging, als das Jugendamt wieder anrief: Nun habe der kleine Junge ein Geschwisterchen bekommen, Vater wieder unbekannt, und die Mutter, naja, ob das Geschwisterchen nicht auch … ? Klar konnte es. Herr Spindeldreher kann nicht ausschließen, dass ihm ein leiser Seufzer über die Lippen ging, als erst das dritte, dann das vierte Kind verkündet wurde. Aber Familie ist Familie, da muss man zusammenhalten.

Ihren Krankenschwesterberuf hat Monika aufgegeben. „Heilpädagogische Großpflege“ hieß sie jetzt in den Akten. Gern hätte sie die vier Kinder, die sie nicht „Tante“ sondern „Mutti“ nannten, die nicht nur die Tage, sondern auch die Nächte bei ihnen verbrachten, allesamt adoptiert. Dann aber hätte das Ehepaar keine Zuschüsse mehr bekommen. Dann hätte es sich die Familie nicht mehr leisten können.

So fuhren Monika und ihr Liebster nicht mehr im VW-Käfer dem Mondschein entgegen, sondern im VW-Bus Richtung Strandbad Wannsee, Rollschuh-Club und einmal im Jahr nach Dänemark.

Als die Geschwister größer wurden, nahmen sie weitere Kinder auf. „Und, ach so, ja“, Herr Spindeldreher will kein Familienmitglied unerwähnt lassen, „da waren ja noch die beiden Totenkopf-Äffchen“. Zu diesem Paar beglückwünschte der Zoodirektor die Spindeldrehers persönlich, denn es zeugte Nachwuchs. Das ist sehr selten bei Totenkopf-Äffchen.

Manchmal schüttelte der Steuersachbearbeiter sachte den Kopf über das wilde Treiben um sich herum. Sein erster Blick in Monikas Augen hatte ihn nicht getäuscht: Langweilig war es nie. Über manches kann er im Nachhinein lachen. Etwa über den Jungen, der sich in die Garage einer Baufirma einschlich, um mal das Gabelstaplerfahren auszuprobieren. Was ihm auch gelang. Andere Erinnerungen treiben ihm noch immer Sorgenfalten auf die Stirn. Da war dieser Kleine, der nicht berührt werden konnte, ohne dass er vor Schrecken zu weinen begann, auch wenn es nur die Blätter eines Gebüschs waren, die seinen Arm streiften.

Dass nicht alle Wunden heilen, dass Erlebtes nicht gelöscht werden kann, damit arrangierte Monika sich schnell. Sie war keine, die nachts vor Sorgen nicht schlafen konnte. Sie schmierte Brote, hörte zu, schimpfte, wenn es schlechte Noten gab, klatschte, als die Kinder Schneewittchen und die sieben Zwerge aufführten.

Sie war einfach da. Und weil sie nicht aufhören konnte zu lachen, als eines der Kinder während einer Landpartie auf eine Kuh zeigte und „Muh-Pferd“ sagte, wollten die Kinder ihr eine besondere Freude machen, indem sie sie Muh-Ma nannten. Zu jedem Geburtstag bekam Monika jetzt schwarz-weiße Geschenke: Tassen, Schals, Westen oder Salzstreuer mit Kuhfell-Muster. Sie lächelte dazu.

Und dann waren die Kinder raus. Und das Ehepaar wollte mal wieder ein bisschen Richtung Mondschein steuern. Monika aber erkrankte an Leukämie. Auf ihrem Grab stehen ihr Mann sowie all die Kinder, aus Stein gehauen. Anne Jelena Schulte

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