• Montagsdemonstration in Berlin: Immer wieder montags protestieren sie auf dem Alexanderplatz

Montagsdemonstration in Berlin : Immer wieder montags protestieren sie auf dem Alexanderplatz

Seit zehn Jahren gibt es die Anti-Hartz-IV-Demos. Aktivisten jeglicher Coleur treffen sich jeden Montag auf dem Alex. Aber kann man das mit den Montagsdemos der DDR vor 25 Jahren vergleichen?

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Immer wieder montags...
Immer wieder montags...Foto: picture alliance / dpa

Gabelstapler fahren quer über den Platz, das Rückwärtsgang-Piepen der LKW hallt von den Fassaden am Alexanderplatz: Der Weihnachtsmarkt wird aufgebaut - pünktlich Mitte November. Neben der Weihnachtspyramide, unter der Weltzeituhr, kämpft ein Duzend Menschen gegen den Kapitalismus.

“Ich hab’ die Schnauze voll!”, ruft Hans-Heinrich. “Die Frage ist: Wie kriegen wir die Hartz-Gesetze weg?” Es sei ein historisches Datum auch für sie: “Vor 25 Jahren gab es hier eine erfolgreiche Volksbewegung. Diesen Geist brauchen wir auch gegen Hartz IV und die AKW.”

Montagsdemonstration nennen die Veranstalter vom “Berliner Bündnis gegen Agenda2010 und Hartz IV” das. Seit 2003 stehen sie - meist ältere Menschen - jeden Montag unter der Weltzeituhr. Aber kann man das, was hier auf dem Alexanderplatz passiert, vergleichen mit den Montagsdemonstrationen der DDR, die vor 25 Jahren eine Regierung, ein ganzes System weggespült haben? Darf man es überhaupt so nennen?

Den Demonstranten wird Etikettenschwindel vorgeworfen

Während der Hochphase der Montagsdemonstrationen 2004 haben sich viele dazu geäußert. Wolf Biermann bescheinigte den Protesten „Etikettenschwindel“, Joachim Gauck, damals noch nicht Bundespräsident, hält die Bezeichnung für „geschichtsvergessen“. Andere verteidigten die Nutzung des Begriffs. Unter anderem der im Juni verstorbene Christian Führer, dessen Friedensgebete in Leipzig als Grundlage für die Montagsdemonstrationen 1989 gelten.


“Was halten Sie vom systematischen Ausverkauf unserer Natur?”, fragt eine Frau, die Flugblätter der “Umweltgewerkschaft” verteilt, die auch an den Montagsdemonstrationen mitwirken. “Es geht jetzt an’s Eingemachte, an’s Leben! Irgendwann müssen wir Angst haben, das Wasser zu trinken, das aus den Hähnen kommt.”

Nicht alle sind sich hier einig - außer über ein Thema

Aktivisten jeglicher Couleur sind hier: Anti-AKW, antikapitalistisch, anti-EU. Aber vor allem: Anti-Hartz-IV. Darin sind sich alle, die vor das Mikrofon treten, einig. Über das meiste andere eher nicht.

“Hoffnungsvoll war der Aufbau des Sozialismus, antifaschistisch, demokratisch”, sagt ein älterer Herr, der gebückt in das Mikrofon spricht. “Das große Unrecht der DDR war, dass der Sozialismus verraten wurde.” Der Sprecher direkt danach: “Natürlich sind wir froh, dass die Mauer gefallen ist. Aber die Bürger haben nichts gewonnen, nur die Konzerne haben profitiert.” Wenig später ein Mann, der sich als ehemaliges SED-Mitglied vorstellt: “Ich tue mich bis heute schwer mit der Wiedervereinigung.” Repression habe er in der DDR keine erlebt, “es gibt ja immer wieder Leute, die das behaupten.”


Wenn auch auf gemischter Grundlage, die Botschaft ist immer positiv: Bürger sollen ihre Souveränität zurückverlangen, auf die Straße gehen. “Wir knüpfen ganz klar an die Montagsdemonstrationen der DDR an, “sagt die Frau mit den Flugblättern. “Damals kämpften sie gegen die herrschenden Verhältnisse. Heute ist das wieder so.”

Und auch sonst ist das Mauerfall-Jubiläum das beherrschende Thema des Abends. Hans-Heinrich nimmt sich das Mikrofon: “Bei dem Gejubel der Regierung zum Mauerfall wird mir übel!” Es werde immer wieder über die neugewonnene Freiheit gesprochen. “Die Lohnsklaverei ist keine Freiheit,” sagt er. Man hört am Dialekt, er kommt aus dem Norden. Die Menschen, die hier sprechen, sind keine DDR-Nostalgiker. Nicht alle zumindest. Jeder trägt seine Geschichte zum Mauerfall vor. Auch, wenn er ihn in Schwaben erlebt hat.

Höhepunkt der Bewegung war 2004 - danach ging es bergab

Angefangen hatte die Bewegung jedoch im Osten. 2003 hatte die Marxistisch-Leninistische Partei (MLPD) begonnen, Montagsdemonstrationen zu organisieren. In Leipzig, Rostock, Berlin. Später sprangen die Gewerkschaften mit auf, Protestgruppen bildeten sich. Seit Frühjahr 2004 gab es wöchentlich jeden Montag Demonstrationen in vielen Städten Ostdeutschlands. Am 8. August findet die erste westdeutsche Montagsdemo in Hamburg statt. Mitte des Monats ist der Höhepunkt erreicht: über 200.000 Demonstrierenden in über 200 Städten.

Doch anders als die ursprünglichen Montagsdemos zeigten die neuen keine Wirkung. Immer weniger Menschen kamen. Dann sprangen die Gewerkschaften ab. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi nannte als Grund, man wolle der „Polit-Sekte“ MLPD keine breitere Plattform bieten. Georg Milbradt (CDU), damals Ministerpräsident von Sachsen, nannte sie „rote und braune Extremisten“, nachdem er - Zeitungsberichten zufolge - zuvor noch erwägt hatte, an einer Montagsdemonstration zu sprechen. Ende des Jahres 2004 war alles vorbei. Oder doch nicht?

Am Alexanderplatz halten sie die Stellung: “Seit 11 Jahren komme ich hier her, “ sagt Hans-Heinrich. “Wir bleiben hier bis die Hartz-Gesetze weg sind!” Als Abwechslung gibt es nach den Reden jetzt Musik. Ein anderer älterer Mann schraubt an den Lautsprechern. Deutscher Hip-Hop kommt aus den Boxen: “Liebe Angela, wir sind grad am Bluten. Ich spreche für die Kinder und Jugend.” Die Jugend rund um die Weltzeituhr läuft vorbei. Sie ist beschäftigt. Mit Primark, Saturn und Alexa.


Lesen Sie hier noch einmal die Geschehnisse zum Mauerfall vor 25 Jahren in unserem historischen Liveblog nach.

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