Mord am Zuhälter : „Er hasste seinen Job als Callboy“

Im Prozess um den Mord an einem Zuhälter hat ein Freier als Zeuge ausgesagt. Der TV-Moderator war Kunde bei einem Escort-Service für schwule Männer. Mittlerweile ist er mit einem der beiden Tatverdächtigen verlobt.

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Die Callboys auf der Anklagebank hoben die Köpfe, als der TV-Moderator den Saal betrat. Der Journalist ist selbst zum Befragten geworden. Er hat sich in einen der beiden Litauer, die sich wegen Raubmordes verantworten müssen, verliebt. „Wir haben uns in der Jugendstrafanstalt verlobt“, verkündete der 41-Jährige. Er setzte sich für den 19-jährigen Jokubas S. ein. Er hatte ihn nur Tage vor der Tötung des Zuhälters Renaldes D. kennengelernt. Doch er ist überzeugt, dass S. kein Mörder ist.

Jokubas S. und Sergejus A. brachten in der Nacht zum 2. November 2011 den 37-jährigen D. um. Als er wieder einmal in seiner Ein-Zimmer-Wohnung in Tempelhof betrunken auf dem Bett lag, fesselten und erstickten sie ihn. Sie sagten, es sei aus Verzweiflung geschehen. Jokubas, der musikalische Abiturient aus Vilnius, erklärte: „Der Tod war für mich der einzig mögliche Ausweg, diesem Tyrannen zu entkommen und in Zukunft keine Angst mehr vor ihm haben zu müssen.“ D. soll sie auf perfide Art zur Prostitution gezwungen haben. „Jokubas hat seinen Job gehasst“, erklärte der TV-Journalist.

Der Litauer D. betrieb in Berlin einen Escort-Service für schwule Männer. Auch der Reporter buchte dort. Ende Oktober 2011 erschienen der schmale Jokubas und sein fordernder Zuhälter. „Jokubas dribbelte traurig hinterher, D. fragte gleich nach Vorkasse“, sagte der Moderator. D. habe geprotzt: „Ich habe noch mehr Jungs am Laufen.“ Als D. mit 300 Euro verschwunden war, habe er dem Callboy erklärt: „Du musst hier gar nichts machen, wir reden nur.“ Jokubas floh nach dem Tod des Zuhälters nach New York. Als der Journalist von der Tat erfuhr, überredete er ihn zur Rückkehr.

Die beiden Angeklagten machten bei D. die Hölle durch. So jedenfalls schilderten sie es nach der Tat. Zustände, die an Zwangsprostitution denken lassen: Pässe abgenommen, Erniedrigungen, Kontrollen, Schläge. D. habe sie fast täglich zu Freiern gebracht. Sie hatten ihn im Internet in einem Homosexuellen-Netzwerk kennengelernt. Er soll sie nach Berlin gelockt, erst nett durch die Stadt geführt, dann mit Nacktfotos, die er von ihnen gemacht hatte, unter Druck gesetzt haben.

War es eine absolute Zwangssituation? Ein Freund des Zuhälters widersprach: „Die Jungs machten einen selbstbewussten Eindruck.“ Von den Pässen habe sich D. nur Kopien gemacht. Das Gericht wird weitere Zeugen befragen. Mysteriös blieb bislang eine „Kundenliste“, die D. geführt haben soll. Ein Anwalt sprach von „bekannten Namen“. Die Richter kennen das Schriftstück nicht. Es soll bei den persönlichen Dingen von Jokubas S. liegen. Der Prozess geht Freitag weiter.

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