Berlin : Mord an alevitischem Moderator: Staatsschutz analysiert TV-Sendung

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Der gewaltsame Tod des 43-jährigen Predigers Murat Fidan hat die in Berlin lebenden Aleviten schockiert. Wie berichtet, war Fidan am 1. Januar in seiner Wohnung in Charlottenburg durch einen Kopfschuss getötet worden, nur sechs Tage, nachdem er am 26. Dezember in einer religiösen Sendung des Neuköllner Vereins "Ehl-i Bey Yolu" im Offenen Kanal in einem Streitgespräch über Glaubensrituale als Moderator aufgetreten war. Der Staatsschutz hat im Rahmen der Ermittlungen den Mitschnitt dieser Sendung beschlagnahmt und schließt ein politisches Motiv der Tat nicht aus.

"Solche Brutalität ist erschreckend", sagt Metin Küçük vom Kultur- und Gebetszentrum der Anatolischen Aleviten in der Kreuzberger Wrangelstraße. Die Nachricht vom Tod Fidans hat sich durch die Meldungen in den Zeitungen unter den in Berlin lebenden Türken schnell herumgesprochen. Nach Küçüks Angaben war Fidan keinem der knapp 2000 Mitglieder des Kultur- und Gebetszentrums persönlich bekannt; der Verein "Ehl-i Bey Yolu", der vor mehr als zehn Jahren gegründet wurde, sei hingegen vielen ein Begriff.

Der breiteren Öffentlichkeit ist der Verein, der in der Neuköllner Friedelstraße ansässig ist, allenfalls durch eine religiöse Sendung im Offenen Kanal bekannt, die etwa alle zwei Wochen verbreitet wird. Beim Offenen Kanal hieß es gestern, verantwortlich für die Sendeinhalte des vergangenen Jahres sei jedoch nicht Murat Fidan selbst gewesen, sondern ein anderes Mitglied des Vereins. "Ehl-i Bey Yolu" ist ein bisher unaufälliger und kleiner Verein, der relativ isoliert von den übrigen alevitischen Vereinen arbeitet. Das liegt daran, dass die Mitglieder zwar überwiegend aus der Türkei stammen, sich aber mehr an der schiitischen Glaubensrichtung des Irans orientieren.

Die etwa 40 000 Menschen alevitischen Glaubens in Berlin gelten in der Regel als besonders liberal und westlich. Die meisten fühlen sich zu jener alevitischen Religionsrichtung zugehörig, die sich in Zentral- und Ostanatolien in der Türkei im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Auf die Frage, ob es auch andere Aleviten in Berlin gibt, antwortet Küçük: "Das wäre ja fast unnatürlich, wenn alle gleich wären."

Die verschiedenen alevitischen Richtungen unterscheiden sich in der Auslegung des Korans und den daraus resultierenden Ritualen. Die anatolischen Aleviten fasten beispielsweise zu anderen Zeiten als im Ramadanmonat und begehen ihre religösen Rituale nicht in Moscheen, sondern in Gemeindehäusern. Aber es gibt auch einige wenige Aleviten, die zu den gleichen Zeiten wie die schiitischen Iraner fasten und in die gleichen Moscheen gehen wie sie. Ihre Isolation erklärt sich also mehr aus der vermuteten Nähe zum Iran als durch die Rituale.

Beim Verfassungsschutz hieß es gestern, dass der Verein "kein Gegenstand der Beobachtung" sei. Bisher seien lediglich einzelne Mitglieder extrem linker Organisationen und Mitglieder der verbotenen kurdischen Partei PKK beobachtet worden, was aber nicht mit ihrem alevitischen Glauben zu tun gehabt habe.

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