Berlin : Mord auf der Tanzfläche

Krimifreunde spielten zwei Tage Detektiv im Hotel Kempinski

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Hera Lind war da, Lilo Pulver, Nina Hagen und sogar Caterina Valente. An prominenten Gästen mangelte es der 25-Jahre-Jubiläumsfeier des Nobelinternats Gut Lerchenfeld nicht. Nur: ein Gut Lerchenfeld existiert gar nicht und Hera Lind ist nicht Hera Lind. Auch Obi Kenobi, benannt nach einer Figur aus „Krieg der Sterne“, heißt eigentlich Marc Weinstock. Er war einer von 43 Teilnehmern an einem „Criminal Weekend“.

Bei diesen Veranstaltungen treffen sich Krimifreunde unter falscher Identität, um der Inszenierung eines Mordfalls beizuwohnen. Miträtseln ist dabei ausdrücklich erwünscht. Die Idee dazu importierte Eleonore Hain mit ihrer Firma Incident Tours 1994 aus England, wo solche Veranstaltungen schon seit mehr als 20 Jahren Tradition haben. Inzwischen gibt es auch hierzulande ein halbes Dutzend Anbieter solcher Mitmachkrimis, von denen sich manche auf die Dauer eines Abendessen beschränken, andere bis zu zweieinhalb Tage dauern.

An diesem Wochenende mussten die Teilnehmer nicht lange auf das ersten Verbrechen warten. Schon bei der Begrüßung durch die „Internatsleiterin“ Gräfin van der Velde fielen die ersten Schüsse. Insgesamt wurden die Gäste Zeugen einer Entführung, eines Giftanschlags und gleich zweier Morde. Die „Gräfin“ wurde auf der Tanzfläche niedergeschossen, die „Tanzlehrerin“ der Schule später tot in ihrem Zimmer gefunden.

„Die Polizeiarbeit ist dabei durchaus an der Realität angelehnt“, sagt der im Fall „Lerchenfeld“ ermittelnde Kommissar Jürgen Elster. „Solche komplexen Verstrickungen wie hier an nur einem Wochenende zu lösen, wäre im Polizeialltag allerdings unmöglich. Allein die Anträge, Anfragen und Protokolle, die da geschrieben werden müssten“, stöhnt er. Er muss es wissen. Anders als die Teilnehmer ist er wirklich, was er zu sein vorgibt. Elster ist Kommissar bei der Kripo Bremen. Die Teilnahme an den „Criminal Weekends“ ist für ihn und seine Berufs- und Spielkollegen Lutz Bothe und Bernd Wagner ein Hobby. Auch ohne Schauspielerausbildung war die Darstellungsleistung der Ermittler allerdings hervorragend. Dass sie der Spekulationseifer der Teilnehmer ins Schwitzen brachte, machte sie in den Augen einiger Zuschauer erst authentisch.

Etwas gemischt aufgenommen wurde lediglich das von den Teilnehmern selbst zu gestaltende bunte Abendprogramm mit Sketchen, das das Krimispiel immer wieder unterbrach. Vielleicht lag es an dieser Ablenkung, dass keiner der Gäste es am Ende schaffte, den Fall mit all seinen Verästelungen komplett zu lösen. Trotzdem waren die Gäste am Ende des Wochenendes zufrieden und zeigten sich erleichtert darüber, dass sich die 400 Euro für die Teilnahme und Hotelzimmer gelohnt haben. Für den Preis hätten sich die Krimifans ja auch eine Menge Lesestoff kaufen können. mho

Informationen im Internet unter

www.criminal-weekend.de

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