Berlin : Mord mit Ansage

Steffi hatte sich von ihrem Mann Mahmut getrennt. Doch er droht ihr immer wieder und lauert ihr auf

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Ein milder Montagmorgen im Oktober 2004. Kurz nach acht. Der dickste Berufsverkehr vorbei. Die Straßen belebt. Zwei Frauen unter der SBahnbrücke Greifswalder Straße. Probleme besprechend. Planend. Plaudernd. Eine der beiden schiebt eine Kinderkarre. Eigentlich ist Hatice schon zu alt für die Karre. Aber „Tietschie“ hat ihren eigenen dreijährigen Kopf. Sie möchte auch jeden Morgen, nachdem sie alle zusammen ihre sechsjährige Schwester Lena zur Schule gebracht haben, ein Croissant. Vom Bäcker schräg gegenüber des türkischen Imbisses. Man kann von da auch den Wohnblock schon sehen, wo die Oma wohnt. Und wo seit kurzem auch ihr Zuhause ist, ihrs und Lenies und das von Mama. Wo sie sicher sind.

Beim Bäcker stöhnt die jüngere der beiden Frauen plötzlich auf. „Um Gottes willen, Mutti - der steht im Imbiss! Wir können hier jetzt nicht raus!“ Die ältere Frau sagt: „Gut, dann warten wir hier und rufen die Polizei.“ Die 52-jährige Karin K. hat äußerlich gar nichts von Muttertier. Eher etwas von Boheme à la Juliette Gréco und Jazzkeller mit ihren schönen dunklen Augen und dunklen Haaren. Sie ist auch nicht groß und kräftig. Aber sie wird zur Löwin, wenn jemand ihr an die Familie geht. Und die 24-jährige Steffi, ihr Nesthäkchen, hat es gerade endlich geschafft, aus ihrer mörderischen Ehe auszubrechen. Hilfe anzunehmen. Die Trennungsphase ist die gefährlichste für Frauen. Achtzehnmal, schätzt Karin K., haben sie wegen Mahmut die Polizei gerufen und Anzeige erstattet. Seit Anfang August hat er es schriftlich und amtlich, dass er sich Steffi und den Kindern nicht mehr nähern darf. Er lauert ihnen trotzdem auf. Er ruft auch immer wieder an und stößt Morddrohungen aus. Erst vor ein paar Tagen hatte er wieder bei Karin K. angerufen und gesagt, es werde fünf Tote geben: „Du als Erste!“ Danach Steffi, deren beste Freundin und die beiden Mädchen. Steffi hatte ihr das Handy aus der Hand gerissen und hineingebrüllt: „Lass mich endlich in Ruhe, ich habe keine Angst mehr vor dir!“ Und dann hatte noch der Dönerladenbesitzer von Mahmuts letztem Job gesagt, sie sollen den ja nicht auf die leichte Schulter nehmen. Als hätten sie das je getan!

„Ach, schon gut“, sagt Steffi, bevor Karin die 110 gewählt hat, „der geht Richtung S-Bahn.“ Die Angstklammer lockert sich. Und Tietschie will unbedingt ein Bounty. Die Kleine, hat so viel durchgemacht, denkt Karin. „Dann holen wir ihr schnell ein Bounty.“ Drüben im Imbiss.

Halb neun. Normaler Betrieb. Ein paar Gäste, ein Mann an einem der Tische hinter einer Zeitung. Ein blinkender Spielautomat. Der Mann hinter dem Tresen ist Türke, das Holzmobiliar mit den schrägen, industriell gedrechselten Beinen deutsch, das Speiseangebot ebenso ethnisch gemischt. Ein Kleine-Leute-Laden in einem Kleine- Leute-Viertel im nördlichen Prenzlauer Berg. Weit weg von den Yuppie-Ecken, wo die Touristen unbedingt hin müssen.

Plötzlich ist er da. Zieht ein langes Messer, beidseitig geschliffen. Ein Dönermesser vielleicht. Geht auf Steffi los und sticht zu. Immer wieder. Karin wirft ihre Tasche nach ihm, stürzt sich auf ihn, zerrt an ihm. Nichts hilft. Er sticht weiter auf die junge Frau ein, die in ihrem Blut am Boden liegt, neben der Kinderkarre mit ihrer kleinen Tochter. Dann rammt er Karin das lange Messer mehrmals in Brust und Bauch. Um Haaresbreite an Lungenspitzen und Leber vorbei. Karin spürt keinen Schmerz und sieht nicht, dass sie blutüberströmt ist. Sie ist schockgefrostet. Hat nur zwei brennende Gedanken: Tietschie! Lenie! Sie will Hatice aus der Karre nehmen und zu Lenas Schule rennen.

„Sie hat nicht begriffen, dass die Polizei längst da und Lena in Sicherheit war“, erinnert sich Tina Jerbi. „Sie hatte tief drinnen kein Vertrauen mehr, dass die Polizei ihr helfen kann.“ Tina Jerbi ist 46, Polizeioberkommissarin und seit Juni 2003 Opferschutzbeauftragte der Polizeidirektion 1 (Berlin-Nord). Sie betreut Opfer von Raubüberfällen, Vergewaltigung, Tötungen und dem Terror, der sich hinter dem Begriff „häusliche Gewalt“ verbirgt. Karin K. wollte gern, dass sie dabei ist an diesem trüben Dezembertag in ihrem blitzblanken, hellen Wohnzimmer, in dem der Oktobermontag so unerklärlich fern ist und so ungreifbar nah. Greifbar sind die langen Narben auf Brust und Bauch. Und Tietschie, die immer mal aus dem Kinderzimmer hereinkommt, wo Lenie malt, und sich vergewissert, dass Karin noch da ist. Die Mädchen leben jetzt bei ihr. Sie ist jetzt Oma und Mama gleichzeitig. Tina Jerbi hat auch Steffi gut gekannt, aus einer langen Leidensgeschichte. Seit 1998 war Steffi mit Mahmut verheiratet, seitdem füllt er die „hG-Statistik“. Steffi durfte nie arbeiten gehen und am besten niemanden treffen. Nicht ihre beste Freundin, nicht ihre Familie, nicht ihre eigene Mutter. Wenn er sie dabei erwischte, schlug er brutal zu. „Er hat auch hier die Scheiben schon zerschlagen“, sagt Karin K., „und einmal hat er mit einem Riesenmesser ihre Couch zerschlitzt, den neuen Fernseher kaputtgemacht und das ganze Kassettendeck rausgerissen. Vor den Augen der Kinder!“ Das gesteht ihr Steffi erst später. Auch dass er dabei gedroht hat: „Ich schneid dir den Kopf ab und häng ihn deiner Mutter an die Tür!“

Karin und die Freundin holen wieder mal die Polizei und Steffi und die Kinder raus. Für diese Nacht bleibt er in Gewahrsam, beruhigt einer der Beamten. Karin K. dreht fast durch: „Wie – den wollen sie nochmal rauslassen?“ Der Polizist zuckt frustriert die Schultern. Wenn es nach ihm ginge ... Aber das entscheidet der Haftrichter. Und der befindet am nächsten Morgen, es bestehe keine Fluchtgefahr, erfahren die Frauen. Also geht der Terror weiter. Zieht Steffi mal kurz in eines der Frauenhäuser, bis er eines Tages da auftaucht. Glaubt wieder mal seinen Beteuerungen, sie zu behandeln wie eine Königin. Sieht zu, wie er das Geld, das er manchmal in Dönerbuden verdient, verzockt, wie Hatice einmal auf ihn einschlägt, weil er sie geschlagen hat, wie Lena nicht mehr mit nach Hause will, wie sie alle nicht mal jeden Tag zu essen haben.

Solche und ähnliche Terrorszenarien wurden der Berliner Polizei im Jahr 2003 weit über zehntausendmal bekannt. Die Statistik für 2004 wird ähnlich hoch. Das muss nicht heißen, dass die Taten zugenommen haben. Es kann auch heißen, dass die Opfer sich öfter aus dem riesigen Dunkelfeld herauswagen und Anzeige gegen ihre Peiniger erstatten. Denn für Gewaltopfer hat sich in den letzten zehn Jahren manches verbessert. Es gibt heute nicht mehr nur das viel ältere Netzwerk aus Notrufen und Krisenberatungen, die aus der Frauenbewegung hervorgegangen sind und sich mit neueren Initiativen verzahnt haben. Es gibt seit 1994 BIG e.V., die „Berliner Interventionszentrale gegen häusliche Gewalt“. Sie hat als bundesweit erstes Projekt alle an einen Tisch gebracht, die sich mit dem Problem beschäftigen oder das sollten – vor allem auch staatliche Stellen. Ziel war, in Berlin eine Art Zentrale für Information aufzubauen, mit einer einzigen Telefonnummer, die möglichst rund um die Uhr besetzt ist. Von Anfang an waren Polizistinnen und Polizisten dafür aktiv. Polizei ist fast immer zuerst an einem Tatort, und auch viele Polizisten hatten Bildungsbedarf in Sachen Sensibilität gegenüber Opfern und Sicherheit gegenüber Taten und Tätern. Auch Polizeibeamte – Frauen wie Männer – haben bis vor ein paar Jahren eine Wohnung mit einem blökenden Mann und einer verängstigten Frau hilflos wieder verlassen, bloß weil die Frau geflüstert hatte, die grünen und blauen Flecken stammen vom Schrank, gegen den sie aus Versehen gelaufen sei. „Familienstreit“, hieß es. „Können wir nichts machen.“

Seit Januar 2002 können sie. Seitdem ist das Gewaltschutzgesetz bundesweit in Kraft, mit dem Täter sofort aus der Wohnung gewiesen werden können. Im Februar 2003 wurde das Berliner Allgemeine Gesetz zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (ASOG) um den Paragraphen 29a erweitert, der einem Täter sofort bis zu 14 Tagen das Betreten der gemeinsamen Wohnung verbieten kann. Zeit für die Opfer, zur Ruhe zu kommen und nachzudenken. Zeit für Behördengänge, Anträge, Aufräumen von Familie und Finanzen.

Und seit 1999 gibt es die „BIG-Hotline“ (611 03 00). Dort laufen – täglich zwischen neun Uhr morgens und Mitternacht – etwa 6000 Hilferufe pro Jahr ein. „Zur Hälfte betroffene Frauen und zur anderen Hälfte Nachbarn, Freunde, Leute, die wissen wollen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie wieder Schreie aus der Wohnung nebenan hören“, sagt Irma Leisle von BIG. Auch mobile Krisenintervention gehört dazu. Etwa ein Fünftel der Anruferinnen sind Migrantinnen, vier Fünftel Deutsche. „Dass eine Frau von ihrem Mann gepeinigt und sogar umgebracht wird, hat nichts mit Herkunft und Pass zu tun.“ Migrantinnen sind allerdings noch erpressbarer: Ihr Aufenthaltsrecht ist oft an den Mann gebunden, und sie kennen sich im deutschen Recht weniger aus. Sie glauben oft einfach, dass ihnen ihr Mann wirklich die Kinder wegnehmen kann. Und dann ist da noch die Sache mit den so genannten Ehrenmorden. Ein heißes Eisen, das auf europäischer Ebene längst angefasst wird. Im Juni gab es dazu in Den Haag eine Polizeikonferenz. Die London Metropolitan Police geht zurzeit die Akten von Tötungsdelikten innerhalb asiatischer, arabischer und osteuropäischer Migrantenfamilien aus den letzten zehn Jahren nach Anzeichen von „honour related violence“ (HRV) durch. Im Oktober trafen sich in Stockholm Vertreterinnen verschiedener Antigewaltprojekte von Frauen aus aller Welt zum selben Thema.

Die öffentlichen Diskussion hierzulande dagegen scheint noch nicht über den Pawlowschen Reflex hinaus zu sein. Wenn ein Muslim seine Frau umbringt, so geht eine Interpretation, dann sei das ein „Ehrenmord“. Seine Ehre sei verletzt, er könne gar nicht anders, da müssen wir tolerant sein. Kurz: ein Blankoscheck auf mildernde Umstände. Die andere sagt: Da sehe man’s ja – die türkische Kultur sei mit unserer aufgeklärten, auf Menschenrechten gründenden eben unvereinbar.

Beides ist Unfug. Empirisch falsch, sagt Irma Leisle, denn: „Es gibt da keine Zwangsläufigkeit, ich weiß von sehr vielen Trennungen unter Muslimen, die schwierig und langwierig waren, aber nicht mit ,Ehrenmord’ geendet haben.“

Und politisch falsch, sagt Seyran Ates, die türkisch-kurdisch-deutsche Rechtsanwältin, die oft muslimische Migrantinnen in Scheidungs- und Familiensachen vertritt und mittlerweile eine der gefragtesten Stimmen zu allen „Integrationsfragen“ ist. „Schon die Behauptung, das sei islamisch, ist falsch. Alle Weltreligionen haben die Unterdrückung der Frau festgeschrieben – seit wann dürfen denn Christinnen erst lesen und schreiben lernen? Seit wann dürfen Jüdinnen die Thora studieren? Nein, nein, nein - ein Mord ist nichts ,Ehrenvolles’, hier geht es um Menschenrechte, und die sind universell.“

Als „Ehrenmord“ wurde auch der Mord an Steffi bezeichnet. Macht das ihn – oder die beiden anderen von türkischen Männern kurz danach begangenen Morde – weniger grausam? Oder grausamer? Schneidet eine Klinge anders durch Haut und innere Organe, wenn der, der sie führt, meint, er habe dazu eine kollektiv erwartete Verpflichtung, oder als Individuum gekränkt ist, weil ihm die Frau davonläuft? Für das Opfer mit Sicherheit nicht.

Wenn über ein Thema besonders laut gesprochen wird, kommt der Verdacht auf, dass etwas anderes beschwiegen werden soll. Das wirklich Beunruhigende ist: Dieser Tod war angekündigt und wurde trotzdem nicht verhindert. Die Frauen, die als Opfer ausersehen waren, konnten das nicht. Die Polizei, die zu ihrem Schutz da ist, durfte es nicht. Und die jeweiligen Haftrichter verkannten den Ernst der Lage. Der Mehrfachtäter hatte zwar Anordnungen verletzt und Blutbäder angedroht, aber er war nicht „tätlich“ geworden.

Dieser Aspekt wurde ein einziges Mal öffentlich erörtert, am 1. November 2004 im Berliner Abgeordnetenhaus. Eine Debatte der Öffentlichkeit wurde nicht daraus. Es scheint, dass niemand ernsthaft ran will an die Mühe, die Justiz demselben Bildungsmarathon zu unterziehen, den die Polizei seit Jahren aus eigener Kraft läuft: Mit dem Ziel, sich selbst zu sensibilisieren für Opfer und deren Sicherheit. Noch kann man von Richtern und Richterinnen hören: Ach, die Frauen gehen bloß ins Frauenhaus, um bessere Karten beim Sorgerecht und bei der Ehewohnung zu haben. Bettina Geißel, auch Rechtsanwältin und Mitgründerin von BIG e.V., hält fehlendes Verständnis für die Crux. Und das habe mit Mangel an Realitätsbezug zu tun. „Wir – Anwälte, Polizei, auch Staatsanwälte – sind oft hautnah an den Opfern dran. Richter kriegen sie nur als Papier auf den Tisch, gefiltert, wenn die blauen Flecken verheilt sind.“

Mahmut, der 28-jährige Täter, hat sich nach drei Tagen Flucht gestellt. Was ihn und seine Tat motiviert hat, wird der Prozess zu klären versuchen. Wie Lenie und Tietschie die Gewalt wieder verlernen, die sie in ihren kurzen Kinderleben lernen mussten, kann nur die Zeit zeigen. Ob sie je wagen werden, sich der Justiz anzuvertrauen – egal in welcher Sache?

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