Berlin : Mord-Prozess: Vietnamesin kam mit ihrem Baby zur Verhandlung

Bis kurz vor Beginn des Prozesses hielt sie ihre kleine Tochter im Arm. Im Gerichtssaal wirkte Duyen dann ganz ruhig. Sie wusste, dass ihr Baby im Kinderzimmer des Berliner Landgerichts gut betreut wurde, dass keine Trennung wie vor zwei Monaten drohte. Damals, kurz nach der Geburt im Lichtenberger Oskar-Ziethen-Krankenhaus, musste die 17-jährige Vietnamesin ohne ihr Kind zurück in die Untersuchungshaft. Der Fall hatte öffentliche Kritik am Vorgehen der Justiz zur Folge. Der Berliner Verfassungsgerichtshof ordnete eine gemeinsame Unterbringung von Mutter und Neugeborenem an.

Duyen und eine weitere Vietnamesin müssen sich seit gestern wegen versuchten Mordes im Milieu der Zigarettenmafia verantworten. Im September 2000 sollen die beiden Frauen versucht haben, zwei Konkurrenten im Streit um den für illegale Zigarettenhändler attraktiven Verkaufsplatz am S-Bahnhof Wartenberg zu vertreiben. Nach der dritten Warnung sollen sie laut Anklage sogenannte "Soldaten" ihrer Bande alarmiert und den Auftrag erteilt haben, die beiden Landsleute zu töten.

Am 12. September gegen 9 Uhr 35 eröffnete ein Killer das Feuer auf die Rivalen. Ein Schuss traf einen 20-jährigen Vietnamesen am Kopf. Er konnte durch eine Notoperation gerettet werden. Sein 30-jähriger Begleiter blieb unverletzt. Die angeklagten Frauen wurden bereits kurz nach der Tat festgenommen. Es hatte einen Tipp aus der Szene gegeben. Seit November war der Justizverwaltung bekannt, dass Duyen schwanger war. Als ihre Tochter am 18. April zur Welt kam, waren noch keine Voraussetzungen für eine gemeinsame Unterbringung von Mutter und Kind geschaffen worden. Obwohl eine Betreuung durch das Jugendamt Steglitz-Zehlendorf sichergestellt war.

Duyen ist eine junge Frau mit feinem Gesichtszügen und langem Pferdeschwanz. Aufmerksam hörte sie dem Richter und den Übersetzungen der Dolmetscherin zu. Sie verstehe "ein wenig Deutsch", sagte die Angeklagte. Als sie 14 Jahre alt war, soll sie nach Deutschland gekommen sein, zu Pflegeeltern, bei denen sie nach dem frühen Tod ihrer Eltern aufwuchs. Jetzt droht ihr eine Jugendstrafe von zehn Jahren.

Das Gericht schloss nach Verlesung der Anklage die Öffentlichkeit von der weiteren Verhandlung aus. Es sei eine freie und ungehemmte Verhandlungsatmosphäre erforderlich, sagten die Richter. Sie fürchten, Mitglieder der vietamesischen Zigarettenmafia könnten versuchen, als Zuhörer im Gerichtssaal Einfluss auf die Angeklagten zu nehmen. An zwölf Verhandlungstagen soll gegen die beiden Vietnamesinnen verhandelt werden. Als Zeuge wird auch der damals schwer verletzte Zigarettenhändler auftreten. Kerstin Gehrke

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