Mordfall : „Er war mein Leben“

Eine 61-jährige Frau steht vor Gericht, weil sie ihren schwerbehinderten Sohn getötet hat. 26 Jahre hatte sie sich um ihn gekümmert. Zuletzt fürchtete sie, ihn ein Heim geben zu müssen. Das, sagt sie, hätte sie abwenden wollen.

Kerstin Gehrke

Sie war immer für ihren schwerstbehinderten Sohn da. Rund um die Uhr, 26 Jahre lang. „Er war mein Ein und Alles, er war mein Leben“, schluchzte Eveline G. gestern vor Gericht. „Ich wollte Marco auf keinen Fall in ein Heim geben.“ Sie flößte ihm am 28. Oktober letzten Jahres einen Tablettencocktail ein. Um ihn nicht allein sterben zu lassen, nahm auch sie Medikamente. Die Mutter aber wurde gerettet. „So sollte es nicht sein“, weinte die kleine, dunkel gekleidete Frau mit den hochgesteckten Haaren.

Die Anklage lautet auf Totschlag. Doch es dürfte dem Gericht nicht leicht fallen, die 61 Jahre alte Mutter, die den Tod des Sohnes und ihr eigenes Überleben verkraften muss, juristisch zu bestrafen. Eveline G. weinte immer wieder, als sie von Marco berichtete. Von den vielen Operationen, der chronischen Bronchitis, seinem Alltag in einem seinem Körper angepassten Sitz. Nur wenige Zeichen konnte er geben. Die Augen nach oben bedeutete „Ja“, der Kopf zur Seite stand für „Nein“.

Sie schaffte es nicht allein. „Ich war auf die Einzelfallhilfe angewiesen“, sagte die Mutter. Jahrelang waren zwölf Stunden die Woche genehmigt worden. Als die Krankenkasse ankündigte, in Zukunft nur noch acht Stunden Pflege täglich bezahlen zu wollen, verzweifelte sie. Monatelang ging es hin und her. „Die Angst um die Einzelfallhilfe war immer da“, sagte die Angeklagte. „Wir waren nur Kostenträger, ich kam mir vor wie eine Bettlerin.“ Vieles kam zusammen. Sie hatte am Tattag die Antidepressiva, die sie seit Jahren verschrieben bekam, nicht eingenommen. Dann noch ein Streit mit ihrem Freund. Zu Hause legte sie Marco aufs Ehebett. „Wir kuschelten“, schluchzte die Mutter. Sie dachte: „Wenn wir beide weg sind, ist endlich Ruhe.“ Sie habe Marko von der verstorbenen Großmutter erzählt. „Wenn man stirbt, geht der Körper in die Erde und die Seele muss nicht mehr leiden“, sagte sie.

Die Mutter fragte ihn: „Willst du zur Oma?“ Da habe Marko nach oben geschaut. „Er wollte es so“, soll sie später bei der Polizei gesagt haben. Sie ging in die Küche der Schöneberger Wohnung und nahm alle Tabletten, die sie finden konnte. Sie ritzte Marko und sich selbst zudem die Handgelenke auf. Daran aber könne sie sich nicht erinnern, sagte die Frau.

Marco war seit der Geburt schwerstbehindert. Durch einen Fehler in der Klinik war es zu Sauerstoffmangel gekommen. „Warum waren Sie gegen ein Heim?“, fragte der Staatsanwalt. Eveline G. sah zu Boden. „Ihn füttern – das konnte keiner.“ Nach einem Urlaub sei er einmal abgemagert nach Hause gekommen. Sie habe auch mit ihm darüber gesprochen. „Er wollte nicht.“ Auf Hilfe von Verwandten konnte sie nicht zählen. Marcos Vater habe für ihr Bemühen kein Verständnis gezeigt. Nach fünf Jahren wurde die Ehe geschieden. Der Prozess wird morgen fortgesetzt. Kerstin Gehrke

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