Mordfall Maria P. : In der Finsternis

Ihren Eltern fehlt für den Mordprozess am Berliner Landgericht die Kraft. Doch der Bruder von Maria P. will hören, was die Angeklagten zu sagen haben. Warum seine schwangere Schwester qualvoll sterben musste.

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Im Gedenken an Maria P. zündeten Freunde und Bekannte Kerzen am Malchower See in Hohenschönhausen an.
Im Gedenken an Maria P. zündeten Freunde und Bekannte Kerzen am Malchower See in Hohenschönhausen an.Foto: picture alliance / dpa

Sie stehen nebeneinander und blicken sich nicht an. Tun so, als existierte der jeweils andere nicht. Dabei wären sie ohne einander heute nicht hier. Vor zehn Monaten waren Eren T. und Daniel M. noch Freunde, lebten im selben Kiez. Nun beschuldigen sie sich gegenseitig, ein ungeheuerliches Verbrechen begangen zu haben.

Zwei Angeklagte. Kein Blickkontakt. Mindestens einer der Männer lügt.

Eren T. ist klein und schmächtig. Dunkle Augen, die schwarzen Haare gelockt. An diesem Donnerstagmorgen im Berliner Landgericht trägt er ein blau-weiß gestreiftes Hemd. Hört der Richterin zu. Wie er heiße? Eren. Wann er festgenommen wurde? Am 23. Januar, glaubt er. Seine Staatsangehörigkeit? Türkisch. Ob er aussagen will? Nein.

Im März sollte Dilara zur Welt kommen

Das möchte er schon seit Anfang des Jahres nicht. Den Ermittlern nannte er damals nur den Namen seines Kumpels Daniel M., dem deutlich größeren und auch kräftigeren Deutschen, der jetzt schräg hinter ihm auf der Anklagebank sitzt. Dieser Daniel, kurz geschorene Haare, Tattoos an Hals und Händen, habe das Verbrechen begangen.

Als die Polizei M. daraufhin festnahm, brach der zusammen. Er gestand, bei der Tat dabei gewesen zu sein. Aber er habe nicht gewusst, wie der Abend enden werde. Eren T. sei schuld.

Im Gerichtssaal ist es ruhig. Der Staatsanwalt Martin Glage liest die Anklageschrift vor. Die zwei Männer sollen Maria P., die Ex-Freundin von Eren T., aus niederen Beweggründen getötet haben. Heimtückisch und grausam, erstochen und verbrannt. Sie war 19 Jahre alt und im achten Monat schwanger. Es sollte ein Mädchen werden. Dilara heißen. Im März sollte Dilara zur Welt kommen. Doch Eren T. wollte die Geburt verhindern. So sieht es der Staatsanwalt.

Ob die beiden Angeklagten etwas dazu sagen möchten? Möchten sie nicht.

Die Tat soll genau geplant worden sein

Was genau in der Januarnacht passiert ist, rekonstruierten die Ermittler so: Eren T. ruft Maria an. Er wolle mit ihr Babysachen einkaufen. Sie hofft, sie könnten noch mal reden, über sich, das Kind. Vielleicht sich versöhnen und doch noch eine Familie werden. Drei Monate zuvor hatte Eren T. Schluss gemacht. Weil sie sich geweigert hatte abzutreiben.

Mit einem geliehenen Transporter holen Eren T. und Daniel M. die Schwangere in Hohenschönhausen ab, dort lebt sie bei Mutter und Stiefvater. Sie ist damals kurz davor, in eine eigene Wohnung in Wartenberg zu ziehen, nicht weit von den Eltern entfernt. Maria P. traut sich zu, auf eigenen Füßen zu stehen. Sich allein um das Kind zu kümmern. Später will sie ihren Schulabschluss nachholen und Konditorin werden.

Es ist abends. Die Angeklagten haben einen Kanister mit vier Litern Benzin dabei, einen Teleskopschlagstock und ein Brotmesser. Die Staatsanwaltschaft sagt: Die Tat war minutiös geplant.

Stunden vergehen, da stimmt doch was nicht!

Die Männer fahren mit Maria P. nach Adlershof in ein Waldstück. 15 Kilometer von Marias Zuhause entfernt. Den Transporter haben sie von einem Bekannten - er ist heute der erste Zeuge, der im Prozess vernommen wird. „Daniel kenne ich, seitdem er ein Baby war“, sagt Zvouko P. im Zeugenstand. Am 22. Januar habe ihn der Angeklagte gefragt, ob er den Transporter für ein, zwei Stunden leihen könne. Er habe sich mit seiner Freundin gestritten, wolle ausziehen. Weil er selbst keinen Führerschein besitze, werde ein Freund fahren: Eren T.

Dann vergehen Stunden. Immer wieder ruft er Daniel M. an. Es sei etwas dazwischengekommen, gleich seien sie da. Irgendwann ist das Handy aus. Zvouko P. ist wütend, ruft Daniels Mutter an. Da stimmt doch was nicht! Zvouko P. geht zur Polizei, meldet den Wagen als gestohlen.

Nach den Berechnungen der Ermittler erreichen die Täter mit Maria P. zwischen 21 Uhr und 22.30 Uhr Adlershof. Im Wald schlägt laut Staatsanwalt dann einer der beiden mit dem Stock auf Maria P. ein, der andere rammt ihr ein Brotmesser in die Seite und den Unterleib. Dort, wo ihr ungeborenes Kind ist. Sie übergießen die verletzte Frau laut Anklage mit Benzin. Zünden sie an. Maria P. versucht davonzulaufen. Ein paar Schritte schafft sie, dann bricht sie zusammen. Spaziergänger finden am nächsten Morgen eine verkohlte Frauenleiche. Die Obduktion wird ergeben, dass sie noch atmete, als sie verbrannte.

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