Berlin : Mordfall Sürücü: Kein Prozessende in Sicht

Die Verteidigung will die Glaubwürdigkeit der 18-jährigen Kronzeugin in Zweifel ziehen

Kerstin Gehrke

Wieder einmal unterbricht Alpaslan Sürücü die Verhandlung. „Ich hau’ ihr gleich eine runter“, zischt er. Es wird gerade die 38. Zeugin im Prozess um den Mord an Hatun Sürücü vernommen. Die Frau kennt weder Alpaslan noch dessen Brüder Ayhan und Mutlu. Sie war die Hausärztin der wichtigsten Zeugin: Die 18-jährige Melek hatte ihr anvertraut, dass sie für Ayhan gelogen habe. Während des Gespräches habe Melek das Kopftuch abgelegt, erinnert sich die Zeugin. Noch in derselben Nacht ging Melek erneut zur Polizei und sagte gegen die drei Brüder aus.

Alles steht und fällt mit Melek. Denn offenbar hat niemand den Mord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü beobachtet, es gibt keine eindeutigen Beweise oder Spuren. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass alle drei Brüder an der Ermordung ihrer 23-jährigen Schwester beteiligt waren. Sie hätten sich durch den westlichen Lebensstil ihrer Schwester in ihrer Familienehre gekränkt gefühlt. Sie sollen zudem befürchtet haben, dass die junge Mutter ihren damals fünfjährigen Sohn nicht nach den Regeln des Islam erziehen würde. Der 26-jährige Mutlu soll die Pistole besorgt, der 25-jährige Alpaslan Schmiere gestanden und der 19-jährige Ayhan ihr dreimal in den Kopf geschossen haben. So jedenfalls hat es Ayhan seiner Freundin Melek erzählt.

Nach der ursprünglichen Planung sollte im Prozess, der im September begonnen hatte, längst ein Urteil gesprochen sein. Als im November immer noch kein Ende absehbar war, ging der Vorsitzende Richter in Pension, und sein Beisitzer übernahm die Verhandlungsführung. Er hat bislang sechs weitere Prozesstage bis zum 9. März terminiert. Doch gestern, dem letzten Termin vor der Weihnachtspause, hat die Verteidigung weitere Beweisanträge angekündigt – darunter ein Glaubwürdigkeitsgutachten für Melek. Es könnte also sein, dass der Prozess noch länger dauern wird.

Der Mordfall hatte bundesweit Aufsehen erregt und die politische Diskussion um so genannte Ehrenmorde und Zwangsehen verstärkt. Ayhan legte am ersten Prozesstag ein Geständnis ab und beteuerte, dass niemand vom Mord an seiner Schwester gewusst habe. „Keiner aus meiner Familie hat mir geholfen“, sagte Ayhan. Er war 18, als er Hatun erschoss und kann mit einer Verurteilung nach Jugendstrafrecht rechnen. Damit hat er die geringste Straferwartung. Nimmt hier also nur einer die Schuld auch der anderen auf sich? Das ist die Frage, die das Gericht klären muss. Doch seit 16 Verhandlungstagen steht Aussage gegen Aussage.

Melek war damals frisch verliebt. Sie und Ayhan kannten sich erst ein paar Wochen. Er wollte sie heiraten. Auch deshalb gab Melek ihrem Freund zunächst ein Alibi. Dann aber konnte sie mit der Lüge nicht leben. Nach Gesprächen mit ihrer Mutter und der Hausärztin ging sie erneut zur Polizei – und wurde zur Kronzeugin. Jetzt befindet sie sich mit ihrer Mutter im Zeugenschutzprogramm.

Bislang sah das Gericht offensichtlich keinen Grund, an Meleks Glaubwürdigkeit zu zweifeln. Ein Antrag der Verteidigung, die Haftbefehle für Mutlu und Alpaslan aufzuheben, wurde Anfang November jedenfalls abgelehnt. Zweifel hegt hingegen die Staatsanwaltschaft an den Aussagen der Ehefrau und dem Schwager von Alpaslan – sie hatten ihm für den Tatabend mit fast deckungsgleichen Worten ein Alibi gegeben. Gegen beide wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Falschaussage eingeleitet. Der Prozess wird am 5. Januar fortgesetzt.

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