Berlin : Mordfall Sürücü: Kronzeugin bricht beim Prozess zusammen

Schwester der Getöteten wirft der Ex-Freundin des Hauptangeklagten vor, für die Tat mitverantwortlich zu sein – weil sie über die Mordpläne schwieg

Katja Füchsel

Melek A. kann nicht mehr. Zitternd sitzt das türkische Mädchen im Gerichtssaal, unter ihrem Pullover zeichnet sich die kugelsichere Weste ab. Seit drei Stunden befragen die Verteidiger Melek A., jetzt antwortet die 18-Jährige nur noch zögerlich, sagt leise: „kann sein“ – „weiß nicht“ – „ich kann mich nicht erinnern“. Als der Richter eine Pause verkündet, springt einer der drei Brüder von der Anklagebank auf: „Sie muss die Wahrheit sagen!“, ruft Alpaslan S., dann wendet sich der 24-Jährige dem Publikum zu. „Und ihr, die Scheißpresse, ihr seid die größten Arschlöcher!“

Melek A. rennt fast aus dem Saal, nach der Pause bleibt ihr Stuhl verwaist. „Die Zeugin musste nach dem Vorfall ärztlich behandelt werden“, sagt ein Justizsprecher. Doch es hilft nichts: Auch wenn der Prozess für heute unterbrochen wird, muss sich die junge Frau nach den Ferien Mitte Oktober erneut den Fragen stellen. Denn es ist Meleks Aussage, die die drei Brüder auf die Anklagebank brachte: Ayhan (19), Alpaslan (24) und Mutlu (26). Der Staatsanwalt glaubt, dass die türkischstämmigen Männer ihre Schwester Hatun Sürücü Anfang Februar ermordet haben, weil sie den Lebensstil der 23-Jährigen als „Kränkung der Familienehre“ empfanden. Mutlu soll die Pistole besorgt, Alpaslan Schmiere gestanden und Ayhan ihr drei Mal in den Kopf geschossen haben.

So hat es Melek A., die damalige Freundin von Ayhan, der Polizei erzählt, so schilderte sie es dem Gericht. Aber die Fragen heute scheinen Melek zu verwirren, viele versteht sie erst gar nicht. Von der Familie Sürücü, die sie als künftige Schwiegertochter akzeptiert hatte, schlägt ihr jetzt nur noch Missachtung entgegen. Mit Gelächter und abwertenden Gesten kommentieren die Brüder zuweilen Meleks Aussage. Als der Verteidiger die Zeugin fragt, weshalb Melek niemand von Ayhans Mordplänen erzählt habe, mischt sich die jüngere Schwester von Hatun Sürücü ein. „Ein Mensch ist gestorben, weil sie geschwiegen hat“, ruft Arzu S., ein weißes Kopftuch verdeckt ihr dunkles Haar. Die 22-Jährige sitzt im Prozess als Nebenklägerin; nicht um sich gegen ihre Brüder zu stellen, wie sie versichert, sondern „um zu erfahren, was passiert ist“.

Noch ist offen, ob der Prozess die ganze Wahrheit ans Licht bringen kann. Beim Auftakt hatte Ayhan, der jüngste der drei Brüder, die Schüsse in der Tempelhofer Oberlandstraße gestanden. Mutlu und Alpaslan S. aber weisen jede Schuld von sich. Melek A. lebt heute im Zeugenschutzprogramm, die Angst hat ihre Liebe zu Ayhan S. erstickt. Für ihn trug sie damals das Kopftuch. „Ich wollte so sein, wie er sich das vorstellt: ein Mädchen, das für den Islam lebt“, erklärt Melek A. dem Gericht. „Was er sagte, galt.“

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