• Mordprozess mit Folgen Charité feuert Stationsleiterin Eine Kommission soll klären, weshalb die Kollegen nicht eingeschritten sind

Berlin : Mordprozess mit Folgen Charité feuert Stationsleiterin Eine Kommission soll klären, weshalb die Kollegen nicht eingeschritten sind

Über weitere Konsequenzen wird erst nach dem Gerichtsurteil entschieden

Christoph Stollowsky

Bisher hat die Charité eher abgewartet, welche Erkenntnisse sich im Mordprozess gegen Irene B. ergeben würden – doch nun handelt sie und zieht erste Konsequenzen: Eine unabhängige Expertenkommission soll in nächster Zeit untersuchen, weshalb die des Mordes angeklagte Krankenschwester der kardiologischen Intensivstation mehreren Patienten ungehindert die Todesspritze geben konnte.

Eine entscheidende Frage wird dabei auch sein, warum die Stationsleitung und Kollegen nicht eingriffen, obwohl auf der Station längst die Gerüchte kursierten und es sogar offenbar erste konkrete Hinweise auf Irene B.’s Handeln gab. Das hatte sich bereits beim Prozessauftakt vor zehn Tagen herausgestellt. Auch am zweiten Verhandlungstag hatten die Ex-Kollegen von Irene B. immer wieder Fassungslosigkeit im Gerichtssaal ausgelöst. Jetzt reagiert die Charité: Die Pflegedienstleiterin der betroffenen Station ist gestern vom Dienst suspendiert worden.

Die Staatsanwaltschaft wirft der angeklagten Intensivschwester sechs Morde und zwei Mordversuche vor. Mit einer Überdosis von Medikamenten soll sie die schwerstkranken Patienten umgebracht haben. Sie selbst gab „vier Tötungen“ zu. Doch im Prozess kam heraus, dass zumindest drei der Morde hätten verhindert werden können. Denn Irene B. galt schon lange bei ihren Kollegen als „rabiat“ und wurde hinter der Hand verdächtigt, mysteriöse Todesfälle herbeigeführt zu haben. Einige Vorfälle waren auch der Stationsleitung gemeldet worden – aber niemand stoppte die verdächtige Kollegin. Angesichts „der im Raum stehenden Vorwürfe“ könne die freigestellte Pflegedienstleiterin ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen, begründete der Ärztliche Charité-Direktor Ulrich Frei gestern die Suspendierung.

Bisher habe man im Klinikum intern keine Untersuchungen zu dem Skandal begonnen, um das Gerichtsverfahren nicht zu beeinflussen. „Wir wollten Mitarbeiter, die als Zeugen auftraten, in keiner Weise unter Druck setzen.“ Nachdem aber offenbar geworden sei, „dass es trotz der Warnsignale eine unerfreuliche Zeitverzögerung auf der Pflegeebene“ gab, habe man reagieren müssen.

Weitere personelle Konsequenzen will die Charité vor Abschluss des Gerichtsverfahrens nicht ziehen. Diesen Standpunkt vertreten auch die Senatsverwaltungen für Gesundheit und Wissenschaft. Die Ärztekammer hatte zuvor berufsrechtliche Schritte gegen Mediziner der Station gefordert, sollte sich herausstellen, dass sie über Verdachtsmomente informiert gewesen seien, aber untätig blieben. Kammerpräsident Günther Jonitz rügte die „massiven Kommunikationsprobleme“ in Kliniken. Es werde aufgrund der Hierarchien „zu wenig vertrauensvoll miteinander gesprochen“. Dieser Mangel habe den Charité-Skandal erst ermöglicht.

Damit wird sich gewiss auch die externe Expertenkommission beschäftigen. Ihr sollen unter anderem ein Arbeitsrechtler, ein Ethiker und Intensivmediziner angehören. Sie sollen herausfinden, wieso Irene B. so lange ungebremst handeln konnte. Außerdem soll die Kommission arbeitsrechtliche Schritte abwägen und ein besseres Kontrollsystem empfehlen. Direktor Ulrich Frei will eine schonungslose Aufklärung: „Das alles geht uns sehr nahe, wir müssen klären, ob es seitens der Charité Versäumnisse gegeben hat.“

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