Berlin : Mordprozess um verdurstetes Kind wird neu aufgerollt

Das Landgericht hatte die Mutter des Zweijährigen zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof hob die Entscheidung jetzt auf

Kerstin Gehrke

Die Mutter ging einfach. Sie kümmerte sich nicht mehr um ihren zweijährigen Sohn, der in der Wohnung qualvoll verdurstete. Die Mutter ist schuld am Tod von Alisan-Turan, aber war Veronika W. auch voll schuldfähig? Das Berliner Landgericht bejahte dies im Februar letzten Jahres und sprach die Mutter des Mordes schuldig. Jetzt hat der Bundesgerichtshof (BGH) ihre Verurteilung zu lebenslanger Haft aufgehoben.

Gerhard Jungfer, dem Rechtsanwalt von Veronika W., liegt der entsprechende Beschluss inzwischen vor. Der 5. Strafsenat habe die Feststellungen zur Schuldfähigkeit seiner Mandantin gerügt, sagt Jungfer. Deshalb muss der Fall vor einer anderen Berliner Strafkammer neu verhandelt werden.

Die inzwischen 23-jährige Veronika W. verließ ihren Sohn an einem Tag im November 2001. Sie, die sich zunächst gut um den kleinen Alisan-Turan gekümmert hatte, zog die Tür des stockfinsteren Kinderzimmers zu. Sie nahm nur ihre Handtasche, Schminkzeug, Handy und Schlüsselbund mit. Sie zog bei ihrem Freund ein und kehrte nicht mehr zurück in die Wetzlarer Straße. Erst Wochen später wurde das Kind gefunden, nachdem sich Nachbarn über den Gestank im Hausflur beschwert hatten. Da hockte der Zweijährige zusammengekauert in einer Ecke des Kinderzimmers. Er war zwischen Bergen von Müll verdurstet, sein Körper bereits mumifiziert.

Fünf Monate lang wurde vor dem Berliner Landgericht verhandelt. Zwischen Anklage und Verteidigung wurde viel über die Schuldfähigkeit der angeklagten Mutter gestritten, die im Prozess so unnahbar wirkte. Sie hatte den Richtern erklärt, sie habe damals Drogen genommen und unter „schweren Depressionen“ gelitten. Schon Wochen vor der Tat hatte sie sich nicht mehr um ihre Wohnung gekümmert. Zwei Kubikmeter Müll wurden später abgefahren.

Aus Sicht der Verteidigung war die Schuldfähigkeit der Mutter erheblich vermindert. Ein Gutachter aber ging im Prozess am Landgericht lediglich von einer „leichten depressiven Episode“ aus. Der Psychiater beschrieb die Mutter als unreife Persönlichkeit, ich-bezogen, aber voll schuldfähig. Der Anwalt lehnte den Gutachter mehrfach ab, warf ihm fachliche Mängel vor. Die Richter hingegen folgten seinen Einschätzungen. Der Junge sei eine Art „Hemmschuh“ für die allein erziehende Veronika W. gewesen. „Sie wollte zurück zu ihrem Leben mit Spaß, Partys, Männern und Drogen.“

Die „depressive Episode“ sei vermutlich kurz nach dem Verlassen der Wohnung, spätestens aber mit dem ersten Treffen mit ihren Freunden beendet gewesen, befand das Landgericht. Das habe sich aus den Aussagen von drei Bekannten der Frau ergeben. Der BGH kritisierte nun: „Bedenklich ist bereits, den Schweregrad einer Depression in die Beurteilung von ungeschulten medizinischen Laien zu stellen.“ Veronika W. kann nun auf ein milderes Urteil hoffen. Ihr Anwalt hatte auf eine Strafe um die zehn Jahre plädiert.

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