Berlin : Morgen Abend feiert die Jüdische Gemeinde das Neujahrsfest Rosh Ha-Schana

Elisabeth Binder

Alles fiebert dem Jahreswechsel zum Jahr 2000 entgegen. Dabei wirkt die Zahl, so rund sie auch sein mag, vergleichsweise mager gegen die 5760. Das ist die Zahl des Jahres, die auf den Glückwunschkarten zum jüdischen Neujahrsfest Rosh Ha-Schana prangt, das morgen Abend in den Synagogen der Stadt mit Gottesdiensten begangen wird. Feuerwerk und Champagner gibt es dazu allerdings nicht. "Keine bunten Papphüte", umschreibt Rabbiner Walter Rothschild, der vor dreizehn Monaten aus England nach Berlin gekommen ist, den ernsten Charakter des Festes.

Das neue Jahr, eigentlich heißt es "Kopf des Jahres", kommt nach dem hebräischen Kalender in der Mitte des Jahres. Für die etwa 11 000 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Berlin ist das die Zeit der höchsten Feiertage. Sehr regeltreue Juden begehen das Fest nämlich zehn Tage lang bis zum Versöhnungstag Yom Kippur, an dem man Streit mit anderen Menschen beilegt.

Kein Wunder, dass es im Büro des Rabbiners kurz vor Beginn der Feiertags-Saison ziemlich hektisch zugeht. Besucher geben sich die Türklinke in die Hand, und noch sind die Predigten nicht geschrieben. Ob der Rabbiner selbst in den zehn Tagen viel zum Nachdenken kommt? Da verdreht er nur die Augen.

An den ersten beiden Tagen des Neujahrsfestes sind vier Gottesdienste vorgeschrieben, wobei die Zwischenräume gern mit gegenseitigen Einladungen überbrückt werden. Allerdings nicht mit ausgelassenen Partys, sondern eher mit gesprächsreichen Essensgesellschaften. Zu den traditionellen Gerichten für diese Zeit gehören Äpfel mit Honig, die Äpfel als Fruchtbarkeitssymbol, der Honig als Zeichen für die Süße des Lebens. Viele begehen den Jahresanfang mit mindestens einem neuen Kleidungsstück. Eine bevorzugte Farbe für Rosch Ha-Schana ist Weiß, als Zeichen der Reinheit. Auch weniger fromme Menschen versuchen, diese Tage möglichst mit Familienmitgliedern zu verbringen, ähnlich wie in der christlichen Kultur die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr möglichst freigehalten werden. An den folgenden Tagen macht jeder eine Rechnung über sein Leben auf, "damit die nächsten 354 Tage besser werden". Der Klang eines "Shofar" genannten Widderhorns zählt zum religiösen Ritual des Jahresanfangs.

Während die Synagogen sonst für alle offen sind, braucht man für diese Tage Karten, weil dies eine Zeit ist, in der auch Leute, die sonst nicht regelmäßig Gottesdienste besuchen, in die Synagoge kommen.

Und was ist mit dem Jahreswechsel ins Jahr 2000? Da Silvester auf einen Freitag fällt, wird Rothschild zunächst in der Synagoge zu tun haben. Danach vielleicht mit seinen drei Kindern und Freunden zusammensitzen. Zwar ist dieser Jahreswechsel für ihn völlig künstlich und ohne Bedeutung. Aber das soll natürlich auch kein Grund sein, "einsam und antisozial zu Hause zu sitzen".

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