Berlin : Morgengrauen

Bernd Matthies

denkt über Berliner Verhaltensauffälligkeiten nach Der Berliner Handel ächzt und stöhnt, spricht von Käuferstreik und schreibt dunkelrote Zahlen. Haben die Berliner kein Geld mehr? Falsch: Sie haben vielmehr keine Zeit, jedenfalls nicht ausgerechnet dann, wenn die Läden offen sind. Der Beweis: Wenn heute im Morgengrauen der Media-Markt in der Wilmersdorfer öffnet, dann wird es dort etwa so zugehen wie beim Sommerschlussverkauf in den sechziger Jahren; neulich bei Ikea war das nicht anders. Auch Mitternachtseinkauf funktioniert so wunderbar, dass man sich allmählich fragen muss, weshalb überhaupt noch irgendein Laden tagsüber geöffnet ist.

Ja, der Einwand liegt nahe: Da gibt es was billiger. Man könnte also sagen: Den Berlinern geht es inzwischen so schlecht, dass sie sich zu menschenverachtenden Zeiten und bei miserablem Wetter auf die Straße stellen, nur um endlich günstig zum lebensnotwendigen Flachbildschirm zu kommen und die klaffende Sechskanal-Dolby-Surround-Lücke zu stopfen, bevor Hartz IV den Kindern das Sparschwein zertrümmert.

Nur eine Vermutung. Es könnte nämlich auch sein, dass der Berliner einfach eine Gewohnheit pflegt: Er liebt das Getümmel. Kann man nichts gegen machen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben