Berlin : Morphiumsüchtiger Arzt kam mit Bewährungsstrafe davon

brun

Der Arzt Gerd H. ist in seinem Prozess vor dem Landgericht um Haaresbreite einer Gefängnisstrafe entgangen. Die 5. Große Strafkammer verurteilte den Mediziner am Montag wegen Urkundenfälschung, Abrechnungsbetrugs und Steuerhinterziehung zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe. Gerd H. nahm den Spruch mit sichtbarer Erleichterung auf. Die Staatsanwaltschaft hatte auf 4 Jahre und 10 Monate Haft plädiert und auf die zahlreichen Delikte verwiesen.

Der schwer morphiumsüchtige Arzt hatte sich zwischen März 1995 und Juni 1998 insgesamt 91 000 Ampullen des Morphiumpräparats Dilaudid gespritzt, das waren über 70 Ampullen täglich. Die Kosten in Höhe von 246 000 Mark rechnete er bei den Krankenkassen als Praxisbedarf ab. Unter dem Druck der zunehmenden wirtschaftlichen Schieflage seiner Praxis im Europa-Center versah er 47 Privatrezepte für ein teures Blutpräparat mit den Stempeln zweier Apotheken und fälschte die Namenskürzel der Apotheker. Die Krankenkassen erstatteten 485 000 Mark. Zudem rechnete der ehemalige Chirurg 1996 bis Anfang 1997 rund 60 000 Mark Gebühren für Konsultationen und hausärztliche Gespräche ab, ohne die Leistungen erbracht zu haben. In seiner Steuerklärung für 1998 deklarierte er sein Einkommen um 63 000 Mark zu niedrig.

Das Gericht folgte bei seinem Spruch dem Antrag der Verteidigung, nach deren Ansicht mehrere Jahre im Gefängnis für Gerd H. der Vernichtung gleichgekommen wären. Motto: Hinter Gittern hätte er keine Chance, jemals seine hohen Schulden zu begleichen.

Die Probleme im Leben des Chirurgen begannen 1988, als er auf der Fahrt durch die Martin-Luther-Straße mit seinem Auto gegen einen Mast prallte und sich komplizierte Brüche beider Füße zuzog. Die Rückkehr in den Operationssaal scheiterte schließlich an den Schmerzen. Als Gerd H. 1992 als niedergelassener Arzt in eine Praxis im Europa-Center wechselte, hatte er längst Bekanntschaft mit dem Morphium geschlossen und kam nicht mehr davon los. 1998 wurde er festgenommen. "Er war einfühlsam und nahm sich Zeit, aber er wirkte zu zart für das harte Geschäft", sagte ein früherer Patient gestern am Rande des Prozesses.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben