Moscheebau : Gemeinsame Gebete im Gewerbegebiet

Der muslimische Verein Inssan will in Charlottenburg eine neue Moschee errichten – und erfährt überwiegend Unterstützung. Das Angebot soll auch Nicht-Muslime ansprechen.

Anette Weingärtner

Bisher gibt es in Charlottenburg drei Moscheen, am Klausenerplatz und am Siemensdamm, die zum Teil gar nicht als solche erkennbar sind. Sie gleichen eher Ladenwohnungen und haben ein ausschließlich türkischsprachiges Angebot. Das soll sich ändern. Der islamische Verein Inssan, ein Zusammenschluss von vor allem jungen Berliner Muslimen, möchte das Grundstück in der Lise-Meitner-Straße 5 erwerben. Ab 2009 sollen hier eine Moschee und ein Kulturzentrum entstehen, deren Angebote auch Nicht-Muslime ansprechen sollen. Derzeitiger Besitzer ist eine Hinterbliebenenstiftung für Mitarbeiter der Beyersdorf AG.

„Zurzeit bearbeitet der Bezirk noch unsere Bauvoranfrage. Wir rechnen aber damit, dass das Verfahren bis Januar abgeschlossen ist“, sagt der Geschäftsführer des Vereins, Imran Sagir.

Ursprünglich wollte Inssan ein Gelände in der Pflügerstraße in Neukölln erwerben. Das in einem Wohngebiet geplante Projekt war jedoch im vergangenen Jahr aus baurechtlichen Gründen gescheitert. Zudem hegte die damalige Baustadträtin Stefanie Vogelsang (CDU) Misstrauen gegenüber dem Besitzer des Neuköllner Grundstücks, Ibrahim El Zayat. Zayat ist Präsident der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), die als mitgliederstärkste deutsche Organisation der radikalislamischen Muslimbruderschaft (MB) gilt. Im Verfassungsschutzbericht 2006 heißt es: Die IGD setze „auf eine Strategie der Einflussnahme im gesellschaftlichen Bereich, um ihren Anhängern Möglichkeiten für eine an Koran und Sunna orientierte Lebensweise zu verschaffen“. Vogelsang befürchtete daher, dass Zayat sich zur Realisierung seiner Interessen gemäßigter Muslime bedienen könnte. Laut Imran Sagir ist es in Neukölln auch zu Nachbarschaftskonflikten gekommen. „Das kann diesmal nicht passieren. Das Charlottenburger Grundstück liegt in einem Gewerbegebiet ohne unmittelbare Nachbarschaft“, sagt er.

An der Lise-Meitner-Straße sollen zusätzlich zu dem Fabrikgebäude drei neue Häuser entstehen. Neben einer Moschee, die europäische mit islamischer Architektur kombiniert, sind eine Bibliothek, eine Kindertagesstätte und ein Frauenberatungszentrum sowie zwei kleinere Läden und ein Restaurant geplant. Der Verein rechnet mit Baukosten von neun Millionen Euro. Im Jahr 2012 soll das Bauprojekt abgeschlossen sein.

In dem neuen Kulturzentrum will der 2002 gegründete Verein unterschiedliche Kulturen und Religionen miteinander ins Gespräch bringen. Zu den Aktivitäten Inssans gehören Dialoggespräche mit Christen und Andersgläubigen, Nachbarschaftsprojekte, Umweltschutzaktionen, aber auch literarische Veranstaltungen. „Wir möchten mit der Moschee und dem Kulturzentrum in Charlottenburg etwas bauen, das eine Brücke zur Gesellschaft schafft. Hier soll ein Zentrum für die zweite Generation von Muslimen entstehen, in dem wir ihnen deutschsprachige Angebote zur Verfügung stellen, die auch für ein nicht-muslimisches Publikum interessant sind“, erläutert Imran Sagir die Motivation, die hinter dem Projekt in der Lise-Meitner-Straße steht.

„Inssan ist die modernste Gruppe junger, aufgeklärter Muslime, die es derzeit in Berlin gibt“, sagt die ehemalige Ausländerbeauftragte Barbara John. Im Bezirk erfährt das Bauvorhaben überwiegend positive Resonanz. Die evangelische Gustav-Adolf-Kirchengemeinde zeigt sich aufgeschlossen. „Wir haben ein Gotteshaus, das durch das Grundgesetz geschützt ist. Das wollen wir anderen auch gönnen“, sagt Pfarrerin Caterina Freudenberg. „Das Kulturzentrum kann zu einer Belebung des Kiezes beitragen und Treffpunkte für alle Aktivitäten bieten“, sagt Ansgar Gusy, Sprecher der Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf.

Doch es gibt auch Kritiker. Seit Ende September sammelt die vom Verfassungsschutz beobachtete rechtskonservative Deutsche Partei (DP) Unterschriften gegen das Bauvorhaben. Ein weiterer Gegner des Projekts ist die Initiative „Pro Deutschland“. Die Initiative ruft zu Unterschriften für eine Petition auf, die sie bei der BVV einreichen will.

Die Kritik an Inssan stößt auf breiten Widerspruch. „Hier wird aus Angst und Unwissenheit um Wähler gebuhlt“, sagt der langjährige Neuköllner CDU-Politiker Michael Freiberg, der Inssan bereits bei seinem Neuköllner Projekt unterstützte. Auch die Grünen bewerten die Aktionen der rechtskonservativen Gruppierungen kritisch. „Beide Organisationen sind nicht am Kiez interessiert, sondern nutzen die Situation, um ihre politischen Ziele voranzubringen“, sagt Gusy. Bezirksbaustadtrat Klaus Dieter Gröhler (CDU) versichert aber, dass der Protest auf das baurechtliche Genehmigungsverfahren für das Projekt keinen Einfluss habe.

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