Moscheenstreit : „Kommen Sie doch mal zum Abendessen“

Am Donnerstag eröffnet die umstrittene Ahmadiyya-Gemeinde ihre Moschee in Pankow. Der Tagesspiegel bat den Imam und den Vorsitzenden der gegnerischen Bürgerinitiative zum Gespräch. Dabei gab es eine vorsichtige Annäherung - doch protestieren wollen die Moscheegegner weiterhin.

Claudia Keller,Lars von Törne
Abdul Basit Tariq Joachim Swietlik
Nachbarn, Gegner. Moschee-Gegner Joachim Swietlik (44) von der "Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger" und Imam Abdul...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am Donnerstag wird die Ahmadiyya-Moschee in Heinersdorf eingeweiht. Herr Tariq, haben Sie Herrn Swietlik zur Eröffnungsfeier eingeladen?



Imam Abdul Basit Tariq: Ich habe ihm eine Einladung mitgebracht und würde mich freuen, wenn er sie annimmt.

Joachim Swietlik: Das kann ich leider nicht. Wir als Bürgerinitiative werden an diesem Abend demonstrieren.

Sie wollen gegen die Eröffnung der Moschee demonstrieren?

Swietlik: Ja. Ich habe nichts gegen Herrn Tariq. Er wäre von seiner menschlichen Ausstrahlung her durchaus ein passabler Großvater für meine Kinder. Aber er ist eben auch der Vertreter einer Ideologie, die wir bekämpfen. Aus Büchern der Ahmadiyya haben wir den Eindruck gewonnen, dass es nicht nur um Religion geht, sondern auch um staatliche Anliegen.

Aber am Donnerstag geht es um die Eröffnung einer konkreten Moschee. Sie haben Jahre lang gegen den Bau gekämpft. Ihr Anliegen ist gescheitert. Warum lassen Sie es nicht dabei bewenden?

Swietlik: Wir bekämpfen ja nicht das pure Bauwerk, das sind nur aufgestapelte Steine. Es gibt bei uns auch welche, denen gefällt der orientalische Baustil mit Kuppel. Es geht um das Weltbild dahinter. Zum Beispiel um die Einstellung zu Frauenrechten. 2006 hat der Ahmadiyya-Kalif geschrieben, eigentlich dürfen die Männer die Frauen nicht schlagen, aber wenn die Männer bestimmte Schritte verfolgt haben und die Frau ist dann immer noch nicht gehorsam, dann dürfen sie sie schlagen. Aber sie sollen es so tun, dass es auf dem Körper der Frauen keine Spuren hinterlässt. Da ist doch Klärungsbedarf!

Tariq: Man darf Zitate nicht aus ihrem Kontext reißen. Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang der Kalif das gesagt hat. Der Begründer der Ahmadiyya-Gemeinde sagte: Frauen sind nicht Eure Sklavinnen, sondern Eure Gefährtinnen. Es sei eine außerordentliche Feigheit und Unverschämtheit, wenn ein Mann seine Hand gegen eine Frau erhebt. Herr Swietlik, Sie haben so viele Schriften der Ahmadiyya gelesen, warum haben Sie dieses Zitat nicht gelesen? Wenn ein Mann der Ahmadiyya seine Frau schlägt, dann wird er exkommuniziert. Das ist passiert, auch in Berlin einmal. Unsere Frauen sind Königinnen zuhause, sie sind überglücklich. Ihnen stehen alle Wege offen. Sie sind Juristinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen, die Moschee wurde von einer Architektin gebaut.

Warum gibt es dann keine weiblichen Imame?

Tariq: Es gibt auch keine weiblichen Propheten. Wäre Jesus eine Frau gewesen, sie hätte Unglaubliches ertragen müssen. Frauen müssen froh sein, dass Gott sie von den Härten verschont. Der Islam hat die Aufgaben verteilt. Die harte Arbeit heißt: Der Mann soll das Geld verdienen. Das heißt nicht, dass nicht auch die Frauen rausgehen und arbeiten sollen, wenn der Mann krank ist.

Sie sehen das anders, Herr Swietlik. Aber hat nicht jeder das Recht, nach seiner Facon selig zu werden?

Swietlik: Im Rahmen des Gesetzes sicherlich. Aber diese Rollenverteilung ist nicht das, was wir uns heute hier unter Gleichberechtigung vorstellen. Sie bezeichnen sich als „Reform-Gemeinde“ innerhalb des Islam. Warum empfehlen Sie dann nicht ihren jungen Frauen, das Kopftuch abzunehmen? Die Frau wird doch in unserer Gesellschaft nicht zum Sexualobjekt, wenn sie ihre Haare offen trägt. Ohne Kopftuch würden die Frauen viel einfacher Jobs finden.

Tariq: Herr Swietlik erwartet, dass wir die Lehre des heiligen Koran modernisieren. Aber wir Muslime müssen akzeptieren, was uns Gott durch den heiligen Propheten gesagt hat. Das Kopftuch ist für uns ein Ausdruck der inneren Kraft einer Frau. Damit zeigt sie: Ich bin überzeugte Muslima, ich kann gegen den Strom schwimmen, egal was die deutsche Gesellschaft dazu sagt. Es ist also kein Zeichen der Unterdrückung, sondern ein Zeichen der Stärke. Aber es gibt keinen Zwang, das Kopftuch zu tragen. Wer es nicht trägt, wird nicht bestraft.

Swietlik: Aber es gibt in den Familien unausgesprochene Gesetze und Druck auf die Frauen.

Das betrifft in erster Linie Mitglieder der muslimischen Gemeinde. Befürchten Sie, dass die Ahmadiyya andere Menschen in Heinersdorf zwingen will, ebenfalls nach ihren Maßstäben zu leben?

Swietlik: Nein. Allerdings ist die Ahmadiyya-Gemeinde eine islamische Richtung, die aktiv missioniert. Die Berliner Moschee wurde auch nicht vorrangig für die Berliner Gemeindemitglieder gebaut, sondern als Tor zum Osten, als Prestigeobjekt. Die Ahmadiyya kann jetzt für alle Zeiten für sich behaupten, die erste Moschee in Ost-Berlin gebaut zu haben.

Was ist daran schlimm?

Swietlik: Wer sich mit den Schriften der Ahmadiyya beschäftigt, merkt, dass es um mehr geht als um die Privatsache Religion. Das fängt bei der Indoktrination von Kindern an. Wir haben Schriften gefunden, in denen der gemeinsame Schulweg von achtjährigen Kindern als problematisch eingestuft wird. Oder ein anderer Aufsatz eines hochrangigen Gemeindemitglieds, der begründet, warum Mädchen auf Klassenfahrten nicht mitfahren dürfen. Oder Fälle, wo Mädchen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen durften.

Tariq: Das stimmt nicht. Es gibt tausende Ahmadiyya-Mädchen und -Jungen, die gemeinsam in deutschen Schulen und Universitäten studieren. Auch gehen unsere Jugendlichen auf Klassenfahrten. Einige Mädchen wurden aber von Jungen belästigt. Man muss im Einzelfall entscheiden, was am besten für das Kind ist.

Aber verstehen Sie, Herr Tariq, dass es Menschen in Deutschland irritiert, wenn für Mädchen andere Maßstäbe angelegt werden als für Jungen?

Tariq: Ja, das verstehe ich. Aber wenn ein Mädchen ihre Pubertät erreicht, darf sie ihren Körper aus islamischer Sicht nicht vor Jungen zeigen. So ist das nun einmal.

Frauen dürfen dann nur mit anderen Frauen schwimmen?

Tariq: Ja. In Frankfurt haben wir das so gelöst, dass Ahmadiyya-Frauen Baden gehen, wenn es spezielle Schwimmzeiten für Frauen gibt. Das ist kein Problem.

Welche Rolle werden die Frauen bei der Eröffnungsfeier Ihrer Moschee spielen?

Tariq: Eine sehr große Rolle.

Swietlik: Naja, wenn ich da an die Grundsteinlegung denke. Da gab es ein Festzelt für die Männer, und die Frauen durften die Feier nur aus einem anderen Zelt verfolgen, in dem die Reden per Lautsprecher übertragen wurden. Auch in der Moschee gibt es getrennte Bereiche für Männer und Frauen.

Ist das nicht diskriminierend , Herr Tariq?

Tariq: Das ist keine Diskriminierung. Wir haben diese Trennung beim Beten und bei manchen anderen Veranstaltungen aus gutem Grund. Die Frauen fühlen sich freier und wohler. Wenn Männer und Frauen beim Gebet zusammenstehen, kann es passieren, dass bei der Berührung mit einer fremden Frau unsere Gedanken in die falsche Richtung gehen.

Herr Swietlik, Sie berufen sich immer auf die Schriften der Gemeinde. Treffen Sie sich auch mit Mitgliedern der Gemeinde?

Swietlik: Herr Tariq und ich treffen uns heute zum zehnten Mal. Wir haben uns bei mehreren moderierten Runden getroffen, aber privat noch nicht. Herr Tariq hatte mich mal eingeladen. Aber das ist daran gescheitert, dass ich gerne zusammen mit meiner Frau kommen und die dann auch bei dem Treffen dabei sein wollte. Aber da hat Herr Tariq gesagt: Nein, die Frauen können sich separat zusammensetzen oder in der Küche über ihre Themen reden, und wir reden im Wohnzimmer über unsere Themen.

Tariq: Das stimmt. Es gibt eben bestimmte Regeln, die wir achten. Die müssen aber kein Hindernis für eine Freundschaft sein. Sie könnten mich doch mal alleine in meiner neuen Wohnung neben der Moschee zum Abendessen besuchen.

Herr Swietlik, ab Donnerstag ist die Moschee in Pankow eröffnet. Werden Sie Ihre Bürgerinitiative auflösen?

Swietlik: Wir werden weitermachen. Genauso wie Herr Tariq mit seiner Gemeinde sein demokratisches Recht genutzt hat, dieses Bauwerk zu errichten, werden wir weiter unser Recht wahrnehmen und informieren, wofür die Ahmadiyya stehen und dagegen protestieren.

Herr Tariq, werden Sie weiter auf Ihre neuen Nachbarn zugehen?

Tariq: Wir werden im November Tage der offenen Moschee feiern, zu denen wir Nachbarn und alle Berliner einladen.

Herr Swietlik, werden Sie hingehen?

Swietlik: Ich kann es nicht grundsätzlich ausschließen.




Informationen zur Moschee
Seitdem im Frühjahr 2006 bekannt wurde, dass die Berliner Ahmadiyya-Muslimgemeinde eine Moschee in Pankow bauen will, gibt es Widerstand.

Rechtsextreme Organisationen wie die NPD demonstrierten gegen den Mosscheebau, aber auch ein Bündnis bürgerlicher Moschee-Gegner, die „Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger“ (Ipahb), die von der CDU unterstützt wird. Die Ipahb sieht in der auch in der muslimischen Gemeinschaft isolierten Ahmadiyya eine Sekte und lehnt die erzkonservative Weltsicht der Gemeinde ab.

Die Ahmadiyya-Gemeinde, die bisher ein Einfamilienhaus in Reinickendorf als Gotteshaus nutzt, ließ sich nicht beirren und eröffnet diesen Donnerstag und Freitag ihre Moschee an der Tiniusstraße, neben der Autobahnauffahrt in Nord-Pankow.

Proteste gegen die Eröffnung haben die Ipahb und die NPD angemeldet. Linke Gruppen und der Bürgerverein "Zukunftswerkstatt für mehr Toleranz“ wollen ihrerseits mit einer Demo Flagge gegen die Moschee-Gegner zeigen.


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