Berlin : Motten treiben Kastanien zur letzten Blüte

Die Bekämpfung der jüngsten Schädlingsplage ist für die Stadt zu teuer: Mehr als 11000 Bäume sterben ab

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Von Christian van Lessen

Die Motten sind los – und der Hunger ihrer Raupen rottet die Kastanienbäume aus. Etliche Millionen der Tiere lassen die Park- und Straßenbäume langsam absterben – in diesem Jahr frisst sich bereits die dritte Generation der Miniermotte durchs Laub. Die Insekten legen Eier auf den Blättern ab, ihre Raupen bohren sich anschließend ins Grün. Bei gut der Hälfte der rund 22 000 Kastanien sind die Blätter schon braun und verwelkt. Mitten im Sommer sehen ganze Straßenzüge herbstlich aus. Der Kastanienbestand, sagen Fachleute, sei dieses Jahr erstmals flächendeckend geschädigt.

Regen und Wärme der vergangenen Monate machten den Motten das Leben leicht. Sollten nicht praktikable Gegenmittel gefunden werden, könnten die meisten Kastanien nach Schätzungen des Pflanzenschutzamtes in zehn Jahren oder früher so geschwächt sein, dass sie eingehen oder aus Sicherheitsgründen gefällt werden müssen. Und dann besteht große Gefahr für den Ahorn.

Überall in der Stadt ist der Verfall der Kastanien – mehr als fünf Prozent des Straßenbaumbestandes – zu beobachten. Das Brandenburger Agrar- und Umweltministerium wies gestern auf die Mottenplage hin und empfahl das Düngen und Bewässern der Bäume. Befallen von der vor einigen Jahren aus Mazedonien eingeführten „cameraria ohridella“ sind weiß blühende Kastanien – die rot blühenden sind weniger betroffen. Beide Sorten teilen sich die Hälfte des Bestandes.

Die Tiere breiten sich aus, vernichten das Blattgrün. Die Bäume treiben zur zweiten Blüte, werden aber für Pilzerkrankungen anfällig. Die Kastanien können nicht mehr ausreichend Energie gewinnen, mit den „Nottrieben“ verschwenden sie zusätzlich Energie. Vor einem Jahr fielen die hellbraunen Flecken auf den Blättern längst nicht so auf, doch nun sind Bäume ganzer Straßenzüge braun verfärbt.

„Am Breitenbachplatz ist es schlimm“, sagt Friedrich Dannenberg, Leiter des Naturschutz- und Grünflächenamtes in Steglitz-Zehlendorf. Aber der Bezirk, der wie alle andere Verwaltungen in engem Kontakt mit dem Pflanzenschutzamt steht, ist ratlos. Hochwirksame Insektizide seien auch hochgiftig, belasteten Menschen, Tiere und das Grundwasser. Außerdem müsse man, um die Mittel zu versprühen, möglicherweise Hubschrauber einsetzen. Hartmut Balder vom Pflanzenschutzamt bestätigte, dass es zwar zugelassene Präparate gibt, die aber aus Sorge vor Bodenbelastung nur gespritzt werden dürften, was bei bis zu 35 Metern hohen Bäumen ein Problem sei. Das Amt erprobe auf einer Kastanien-Teststrecke am Bismarckplatz erfolgreich andere Wirkstoffe. Die Motten auf biologische Art zu bekämpfen, gilt derzeit als wenig aussichtsreich. In Frage kämen kleine Wespen oder auch die Einfuhr von Parasiten aus dem Balkan, die aber wiederum zu anderen, bislang unbekannten Nebenwirkungen im hiesigen Ökosystem führen könnten. Vögel, vor allem Meisen, picken zwar gern die Puppen des Schädlings, aber das ändert nichts an der Misere. Die Junglarven haben sich in das Blattgewebe gebohrt und fressen regelrechte Minen durch das Laub. Hier verborgen, sind sie für Feinde schwer zu erreichen. Bessere Chancen bietet das Verbrennen von Laub, was aber bei der erwarteten Massen ebenfalls ins Geld geht.

Beate Profé, Referatsleiterin für Stadtgrün und Freiraumplanung, stellt für die Stadt folgende Prognose: Kastanien werden künftig gar nicht mehr gepflanzt.

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