Berlin : Mubera Lehmann (Geb. 1951)

"Wenn ich eine Arbeit finde, werde ich hier bleiben"

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Evangelischer Auferstehungs-Friedhof in der Indira-Ghandi-Straße 110 in Weißensee.
Evangelischer Auferstehungs-Friedhof in der Indira-Ghandi-Straße 110 in Weißensee.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Helmut steht vor dem Haus und ruft in die Dunkelheit: Luna? Dandy? Stille. Er raschelt mit einer Tüte Katzenfutter. Nichts. Er geht wieder ins Haus, wo sein grauer Kater sich schnurrend an seine Beine schmiegt. Luna und Dandy, Muberas Katzen, bleiben draußen in der Nacht, die helle sanfte Stimme wird sie nie wieder rufen.

„Diese Stadt möchte ich auch sehen“, sagte Mubera 1970 am Telefon zu ihrer Schwester, „ich komme dich besuchen“, und fuhr los, von Sarajevo nach Berlin. Sie mochte die Stadt sofort und dachte vielleicht auch ein wenig an ihren Vater, einen resoluten, jugoslawischen Staatsangestellten, mit dessen Auffassungen vom Leben sie zu oft nicht übereinstimmte. „Wenn ich eine Arbeit finde“, entschied sie schnell, „werde ich hier bleiben.“

Sie fand vorübergehende Jobs, fing dann als Monteurin von Vergasern an, qualifizierte sich und war schließlich im Qualitätsmanagement tätig, 30 Jahre in derselben Firma. Hin und wieder begegnete sie Helmut, ein Gruß, zwei, drei Worte allenfalls, wie es unter Kollegen üblich ist. Und eines Tages erfuhr Helmut, selbst nicht mehr ledig, dass Mubera einen Meister aus der Firma geheiratet hatte, zu ihm in die Siedlung an der Roedernallee gezogen war, ein paar Meter hinter seinem eigenen Haus.

Man sah sich jetzt öfter, bis, zufällige Koinzidenz oder schon Vorwegnahme des Gleichklanges, beide Ehen in die Krise gerieten. Sie sprachen miteinander, häufig, entdeckten, wie sie sich glichen, dieselben Gedanken denselben Wohlklang erzeugten. In fast allem stimmten sie überein, in der Wahl der Reiseziele, in den Ansichten über Arbeit, Freundschaft und Liebe, die entstand. Sie lösten sich aus ihren Ehen. Und stellten sich die Frage: „Wollen wir zusammenziehen?“

Sie zogen in eine Ein-Zimmer-Wohnung und dann, ein Jahr später, in Helmuts Haus, welches sie gemeinsam gestalteten: neue Teppiche und Tapeten und Möbel; ein Swimmingpool, denn Mubera liebte das Wasser, war doch schon als Kind in den Sommerferien in der Adria baden gegangen; Blumen, denn Mubera liebte ihren Duft; einen Teich, an dessen Rand die Katzen saßen und die kleinen glitzernden Goldfische beobachteten. Und als das Haus fertig war, setzten sie sich mit einem Glas Wein auf die Terrasse und sagten einander: „Jetzt ist es Zeit für eine große Reise.“ Mubera wollte schon immer hinaus in die Welt. Sie flogen los, nach Kanada, Alaska, an die Westküste der USA, jedes zweite Jahr, vier oder fünf Wochen lang. Hängten, wenn sie wieder zurück waren, große farbige Fotografien an die Wände, Bären, Adler, Wasserfälle, Indian-Summer-Wälder.

Muberas Familie lebte in Sarajevo. Der Krieg war zwar vorüber, aber was er hinterlassen hatte, konnte man nicht einfach auslöschen. Und man spürte es auch in Berlin. 1992 hatte es in der Firma angefangen: Bosnier, Serben, Kroaten arbeiteten dort, bis vor wenigen Augenblicken noch miteinander, jetzt gegeneinander.

Jahrelang hatte Mubera keinen Kontakt zu ihrer Familie, wusste nur, dass sie, wenn die Stadt beschossen wurde, in das fensterlose Bad rannten, dass es kein Wasser und keinen Strom gab. Sie schickte über Mittelsmänner Lebensmittelpakete, von denen nur zwei ankamen. Im Frühjahr 1995 flüchtete ihre Mutter mit Muberas Schwester und deren Sohn durch einen Tunnel, einen Meter hoch, 80 Zentimeter breit, den bosnische Soldaten unter der Stadt hindurchgegraben hatten, um die Menschen in Sarajevo mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Weiter ging die Flucht über Kroatien, und als sie Berlin schließlich erreichten, war der Krieg zu Ende.

Der Mangel an allem aber noch lange nicht. Jeden zweiten Monat überwies Mubera Geld für ihre Familie, die zurückgekehrt war nach Sarajevo. Wenn ihre Schwester am Telefon in einem Nebensatz andeutete, dass die Waschmaschine nicht mehr richtig funktioniere, sagte sie: „Kauf eine neue, ich schicke dir Geld.“ Immer dachte Mubera an die anderen, half Freunden und Kollegen, seelisch und finanziell, putzte und kochte für ihren Ex-Mann, schlicht weil er krank war, weil er jemanden brauchte, weil sie zusammen doch auch schöne Zeiten hatten.

„Möchtest du irgendwann zurück nach Sarajevo?“, fragte Helmut eines Tages. „Nein“, sagte sie, ohne in der Stimme zu schwanken, „eine Reise im Jahr dorthin ist gut. Aber bleiben möchte ich hier. Auch wenn ich nicht mehr sein werde.“

Muberas Leiden begann im Grunde bereits in ihrer Kindheit, brach dann aus, Jahrzehnte später, mit ganzer Wucht: eine verschleppte, schlecht behandelte Gelbsucht. Nach einer gerissenen Krampfader in der Speiseröhre, nach immensem Blutverlust, nach Operationen, schien es ihr besser zu gehen. Bis wieder von schlechten Werten die Rede war, von einer Lebertransplantation.

Muberas Zustand verschlimmerte sich. Am 21. Juli 2010 sagten die Ärzte: „Wir sind mit unserem Latein am Ende.“ Am 23. Juli um 14 Uhr riefen sie Helmut an: „Kommen sie sofort ins Krankenhaus.“ Helmut rannte zu seinem Auto, fuhr – und kam zehn Minuten zu spät. Mubera bleibt in Berlin.

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