Berlin : Mückensaison: Mit Angriffswellen muss abends gerechnet werden

Christoph Stollowsky

Professor Werner Mohrig hat ein wirksames Rezept gegen Mücken. "Man nehme etwas Federvieh, vielleicht ein oder zwei Hennen und dazu einen Hahn", sagt der Zoologe vom Deutschen Institut für Insektenkunde in Eberswalde. Dann spricht er über die Vorliebe der Hausmücke für alles Gefiederte. Merke: Ein Mensch, der auf dem Balkon oder der Dachterrasse neben Hühnern sitzt, ist für die Blutsauger nur noch die zweite Wahl. Vögel werden von ihnen bevorzugt gestochen. Doch wie soll man sich in der Großstadt ohne allzu viel Schwierigkeiten den Beistand von Hühnern verschaffen? "Schlagt sie, wo Ihr sie trefft", heißt hier eher die Devise, zumal die größte Plage eines jeden Sommers auch in Berlin wieder im Anflug ist. Wir fragten Experten: Droht uns ein Mückensommer?

Darüber hat sich die Professorin für systematische Zoologie an der Humboldt-Universität, Hannelore Hoch, schon Gedanken gemacht. Schließlich ist sie jüngst an den Stadtrand gezogen und dort mehr denn je mit den drei gängigen Mückenarten in Berlin konfrontiert: mit der Hausmücke, der Wald- und Wiesenmücke und der Fiebermücke. Gegen die beiden letzteren würden übrigens auch keine Hühner helfen, es ist ihnen egal, welches Opfer ihr 0,5 Millimeter langer Stechrüssel trifft. Hauptsache: Warmblüter. Summer aller Arten stürzten sich also in den vergangenen Tagen auf die Professorin und vermittelten ihr den "subjektiven Eindruck": die Mücken sind los. Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt... Doch werden wir in diesem Sommer schlimmer als in den Vorjahren geplagt? Wer das herausfinden will, muss sich die Lebensgewohnheiten der Mücken und das Wetter in den vergangenen zwölf Monaten anschauen. Im Sommer brauchen die Weibchen Kraftfutter, weil Eier in ihnen heranreifen und auch die Eiablage kein leichtes Geschäft ist. Deshalb saugen sie unser Blut im Gegensatz zu den Mückenmännchen, die sich mit Pflanzensaft zufriedengeben. Im Herbst befestigen sie ihre Eier an Blättern und Stengeln, möglichst an Orten, die im Winter überschwemmt oder wenigstens gut feucht sind - und im folgenden Frühjahr schlüpfen die Mückenlarven in Pfützen und Tümpeln. Im Mai folgt dann die Metamorphose. "Eine wundersame Verwandlung vom Wurm zur Puppe und aus dieser zur Mücke", sagt die Professorin Hannelore Hoch. Ähnlich wie bei den Schmetterlingen. Danach beginnt der Zyklus aufs Neue.

Wie gut das Ganze funktioniert, hängt vom Wetter ab: Die schlimmsten Mückenplagen folgen nach einem heißen, trockenen Sommer und einem Winter, der im März und April milde ausklingt. Bei brütender Hitze legen die Mückenweibchen ihre Eier instinktiv an den tiefsten Bodenstellen ab, wo sich in der kalten Jahreszeit garantiert Wasserlachen bilden. Ist der Sommer hingegen feucht und milde, so fühlen sie sich nicht zwingend zu den Senken hingezogen. Die Weibchen geraten durcheinander, sie setzen ihre Nachkommenschaft auch an höher gelegenen Stellen ab, die kein Wasser erreicht. Ein Teil der nächsten Mückengeneration vertrocknet folglich im Ei.

Fatal wirkt sich für die Insekten zudem ein unregelmäßiger Winter aus mit plötzlichen Kälteeinbrüchen im März. "Sind die Larven schon geschlüpft, ist Väterchen Frost für sie tödlich", sagt Hannelore Hoch. Zur Winterzeit macht die klirrende Kälte der nächsten Mückengeneration hingegen keine Probleme. Im Ei übersteht sie unbeschadet bis zu dreißig Grad minus.

Schauen wir also auf den vergangenen Sommer 2000 und den Winterausklang. Wie wirkten sie sich auf die Vermehrung der Mücken aus? Die Sommerzeit war schlecht für Mücken, weil zu mild und feucht; der März wiederum war ihre große Chance, weil die Eisheiligen gnädig daherkamen. Das Thermometer sank kaum unter null Grad Celsius. Fazit: "Stellen Sie sich auf einen durchschnittliche Plage ein", sagen die Mücken-Experten. Man werde die üblichen Angriffswellen jeweils vormittags und abends erleben und solle am besten seinen Frieden mit den Blutsaugern schließen.

Und noch ein Biologen-Tipp: "Halten Sie Abstand zu den Wohlstandspfützen." Gartentümpel sind Paradiese für die Mückenbrut, falls sich keine räuberischen Fische oder Kaulquappen darin tummeln oder eine Pumpe das Wasser in Fluss hält. Schlüpfen die Tiere, rät Professor Mohrig außerdem zum Trainingsanzug ("den durchdringt kein Rüssel") und zum Knoblauchverzehr. Solche Ausdünstungen mag keine Mücke - es sei denn, sie hat richtig Hunger. "Dann", sagt Mohrig, "ist den Tierchen alles egal."

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