Berlin : Müll verzweifelt gesucht

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Von Ingo Bach

Der Verkaufsmarathon um den Abfallverwerter Schwarze Pumpe (SVZ) im südlichen Brandenburg droht zu einem finanziellen Fiasko für Berlin zu werden. Die Anlage, die die landeseigenen Wasserbetriebe 1995 erwarben, hat mindestens 140 Millionen Euro Schulden und macht jedes Jahr weiter Verlust. Für die Verbindlichkeiten steht Berlin ein und will den teuren Klotz schnell los werden. Doch nun macht sich das Land die Gespräche mit Investoren selbst schwer. Nach Tagesspiegel-Informationen plant die Senatsumweltverwaltung, das vor einem Jahr beschlossene Entsorgungskonzept zu ändern und nicht, wie vorgesehen, 150 000 Tonnen Müll im SVZ zu Methanol verarbeiten zu lassen, sondern beispielsweise in Zement- und Kraftwerken zu verfeuern. Der Wert des Unternehmens hängt jedoch von seiner Auslastung ab - ohne den Berliner Abfall steht das SVZ ab 2005 zu einem Drittel leer.

Die Abkehr von dem noch vom Rot-grünen Senat beschlossenen Entsorgungkonzept ist dem Zeitdruck geschuldet. Denn in der Umweltverwaltung fürchtet man, dass Berlin ab dem 1. Juni 2005 ein Müllproblem bekommen könnte. Dann dürfen Siedlungsabfälle nicht mehr unbehandelt auf die Deponien gekippt werden. Deshalb zog man jetzt die Notbremse und sucht nach Alternativen zum Verwertungszentrum, in dem ab 2005 eigentlich ein Sechstel der Berliner Mülls verwertet werden sollte. Die Fachleute glauben nicht mehr daran, dass Schwarze Pumpe die Berliner Müllmenge überhaupt verarbeiten kann. Zum einen sei noch immer nicht klar, wer die Firma übernimmt. Seit Monaten verhandeln die Wasserbetriebe mit potenziellen Käufern: der Freiberger Firma Choren-Industries, dem Entsorger Rethmann, dem Energiekonzern RWE und der Essener Entsorgungsgruppe AGR. Die Berliner Stadtreinigung, die zu den Bietern gehörte, hat sich wieder zurückgezogen. Ursprünglich sollte das Verfahren schon im Februar beendet sein. Nach Auskunft der Wasserbetriebe werde aber noch Wochen verhandelt.

Zum anderen müsste Schwarze Pumpe mit moderner Vergasungstechnologie ausgerüstet werden. Die jetzigen Anlagen stammen zum Teil noch aus den 60er Jahren. Dafür sind Investitionen im dreistelligen Millionenbereich notwendig - und viel Zeit.

Ohne den Berliner Abfall verlöre Schwarze Pumpe einen wichtigen Kunden, der ein Drittel der derzeitigen Kapazität von 450 000 Tonnen auslasten sollte. Noch sind die Auftragsbücher voll, weil Schwarze Pumpe Teerschlämme - Altlasten aus den Braunkohletagebauen - aufbereitet. Doch dieses Geschäft läuft 2005 aus. Dann braucht man den Müll aus Berlin. „Natürlich ist die Auslastung ein wichtiger Faktor", heißt es aus dem Kreis der Bieter. Schließlich entscheide sie über die Wirtschaftlichkeit. Je niedriger der Auslastungsgrad, desto unwirtschaftlicher die Anlage. Und das SVZ schreibt schon jetzt bei voller Auslastung tiefrote Zahlen.

Sollte der Verkauf des Verwertungszentrums durch die Entscheidung der Umweltverwaltung platzen, dann bliebe Berlin auf dem Verlustbringer sitzen. Und müsste weiter Geld nachschießen, um die Liquidität des Unternehmens zu erhalten.

Derweil bemüht sich die Umweltverwaltung um Schadensbegrenzung. Von einem Müllnotstand ab 2005 könne keine Rede sein, heißt es. Ein solches Eingeständnis würde die Verhandlungsposition Berlins gegenüber den Abfallverwertern auch erheblich schwächen. Wäre die Stadt doch dann erpressbar, sprich müsste mehr für die Verwertung ihres Mülls zahlen. Die Abfallgebühren für die Verbraucher stiegen entsprechend. Berlin ist nicht auf das SVZ angewiesen, betonen Experten. Abnehmer für den Müll gebe es genug, denn damit ließe sich viel Geld verdienen. Zement- oder Kraftwerke könnten ihn zur Energiegewinnung verbrennen. Und neue Anlagen wollen ausgelastet werden. So soll in Hennigsdorf eine Müllverbrennungsanlage errichtet werden mit einer Kapazität von 80 000 Tonnen, wovon Brandenburg nur 50 000 Tonnen auslasten wird (siehe unten). Hier wäre man sicherlich dankbar für mehr Berliner Müll.

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